Gruppe Messel, Pamphlet
Eine Perspektive relationaler Tierethik: Zur Verflechtung von Speziesismus und Biologismus (überarbeitete Fassung)
1. Das Problem
– In der Tierethik wird Speziesismus vielfach kritisiert.
– Dennoch stützen sich die Diskurse weiterhin auf biologische Einordnungen von Tieren.
– Tiere erscheinen vor allem als Organismen, Arten oder empfindungsfähige Systeme.
Das Paradoxon: Die Kritik an Herrschaft wird häufig innerhalb desselben konzeptuellen Rahmens formuliert, der Tiere bereits objektiviert.
2. Das Konzept: Kritik am Biologismus
– Biologie ist nicht nur eine neutrale Wissenschaft.
– Historisch hat sie Tiere primär als Objekte beschrieben, nicht als existierende Andere.
– Diese Perspektive macht Tiere zu Gegenständen von Wissen und Verwaltung.
Das Problem liegt daher nicht allein in der Artenhierarchie, sondern in der Reduktion tierlicher Existenz auf biologische Bestimmbarkeit. Auch kritische Ansätze verbleiben oft in einem Rahmen, der festlegt, was Tiere überhaupt sein können – etwa wenn Empfindungsfähigkeit oder Kognition als eng gefasste Voraussetzungen ethischer Berücksichtigung dienen.
3. Konsequenzen für die Tierethik
Typische Argumente der Tierethik stützen sich auf Begriffe wie:
– Empfindungsfähigkeit
– Kognition
– Nervensystem
Damit werden Tiere vor allem über biologische Eigenschaften bestimmt. Ihre Existenz erscheint innerhalb eines Klassifikationsrahmens, der nicht nur beschreibt, sondern vorgängig festlegt, was als „Tier“ überhaupt erkennbar ist. Historisch prägend ist hier die durch René Descartes formulierte Reduktion von Tieren auf „Körper“ im Sinne der Körper-Geist-Spaltung. In der Folge verfestigte sich ihre Einordnung als Objekte von Erforschung, Verwaltung und Bewertung.
4. Eine alternative Herangehensweise
Anstatt Tiere primär biologisch zu definieren, lassen sich andere Zugänge denken:
– Tiere als koexistierende Subjekte (Relationalität, Mitweltethik)
– Tiere als nicht-reduzierbare Präsenzen
– Tiere jenseits von Artenkategorien und funktionalistischen Bestimmungen
Dies lehnt biologisches Wissen nicht vollständig ab, weigert sich jedoch, den ontologischen Status von Tieren durch die Biologie definieren zu lassen, da dessen Zerlegung in Eigenschaften, Funktionen oder Teilaspekte bereits die Kontrollierbarkeit tierlicher Existenz suggeriert.
Selbst dort, wo Ethik sich auf Empfindungsfähigkeit oder Kognition beruft, bleibt sie oft an eine Klassifizierungslogik gebunden, die Tiere bereits als Objekte formt, bevor ethisches Denken einsetzt.
Relationale Erfahrungen zeigen jedoch, dass dieser Rahmen überschritten werden kann – etwa wenn Menschen in unmittelbarer Begegnung Tiere nicht mehr als Exemplare, sondern als Gegenüber wahrnehmen: als Träger eigener Perspektiven, nicht als Bündel von Eigenschaften.
5. Ein kurzes Resümee
– Die Kritik am Speziesismus muss sich zur Kritik am Biologismus erweitern.
– Tiere lassen sich nicht auf biologische Objekte oder Populationen reduzieren.
– Ethisches Zusammenleben erfordert die Anerkennung ihrer Eigenständigkeit jenseits objektivierender Rahmen.
Um Speziesismus wirklich entgegenzutreten, sollten wir in der Lage sein, den Biologismus als zentralen Faktor definitorischer Reduktion und ethischer Einengung zu problematisieren.
Ethisches Zusammenleben setzt in seiner komplexen Fülle voraus, Tiere nicht als „biologische Objekte“, sondern als relationale Wesen mit eigener Existenz und eigenständig zu bewertender Handlungsfähigkeit zu begreifen – als eine Perspektive, die eine reale und begründbare Richtungsänderung in den Mensch-Tier-Beziehungen ermöglicht.
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17.03.26
