Politische Landkarten
Edition Farangis, Tierrechte Messel
Everything that challenges the existing arrangement gets classified as “opposition,” and therefore located somewhere on the existing political map. Yes, we are an opposition — but one that is differently disruptive, coming from another angle of critique.
Die Frage muss für uns immer wieder lauten:
Und wie sieht das noch einmal von einer ganz anderen Warte aus?
Tierrechte sind für uns kein linkes und kein rechtes Teilthema.
Wir gehen nicht von einer bereits bestehenden politischen Lagerordnung aus und fragen anschließend, wo die Tiere darin unterzubringen wären. Denn damit wäre die politische Landkarte schon gegeben, bevor die eigentliche Frage überhaupt gestellt wurde.
Wir drehen die Perspektive um.
Tierrechte können selbst ein Ausgangspunkt sein, von dem aus politische, soziale, ökologische und kulturelle Verhältnisse betrachtet werden.
Das heißt nicht, dass die politische Wirklichkeit ignoriert werden soll. Im Gegenteil. Gerade weil Tierrechte in gesellschaftliche Verhältnisse hineinreichen, müssen diese Zusammenhänge genau betrachtet werden.
Aber bestimmte Fragen müssen zunächst ein Stück weit aus der unmittelbaren politischen Gemengelage herausgelöst werden, damit sie nicht schon durch deren Kategorien vorentschieden sind. Erst dann lassen sie sich gezielt und punktuell wieder in ihre gesellschaftlichen und politischen Zusammenhänge zurückübersetzen.
Ein Beispiel:
Antijagd ist nicht automatisch links. Auch innerhalb linker politischer Räume gibt es viele Menschen, die für die Jagd sind und bleiben werden. Eine jagdkritische Haltung kann unabhängig von politischen Lagern bestehen.
Umweltzerstörung ist nicht automatisch links. Auch linke Politik kann Greenwashing betreiben und damit wiederum neue Formen der Umweltproblematik hervorbringen.
Und auch eine sogenannte soziale Realität ist nicht automatisch links oder rechts. Sie ist vielmehr ein Spiegel vielfältiger, sich überschneidender und oft nur schwer in politische Lager übersetzbarer Lebensrealitäten.
Die Tierrechtsfrage lässt erkennen, dass wir es mit einem vielgestaltigen Problem zu tun haben, das in sehr unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche hineinreicht und zugleich mit unserem grundsätzlichen Verhältnis zur natürlichen Mitwelt verbunden ist.
Gerade die Bedeutung tierobjektifizierender Praktiken innerhalb linker wie rechter Gesinnungsräume zeigt das besonders deutlich. Auf beiden Seiten können sich Dynamiken entwickeln, die sich nicht einfach durch die jeweilige politische Dichotomie auflösen lassen.
Das Problem ist also nicht dadurch gelöst, dass man sich innerhalb dieser Dichotomien bewegt — auch wenn bestimmte politische Tendenzen selbstverständlich punktuell unterstützt, kritisiert oder sanktioniert werden müssen oder sollten.
Die politische Einordnung einer Sache darf nicht bereits darüber entscheiden, was an dieser Sache tierrechtlich sichtbar werden kann.
Genau hier liegt für uns ein Problem bestimmter Formen des Tierrechtsdiskurses:
Die politische Zugehörigkeit steht mitunter schon fest, bevor die eigentliche Analyse beginnt. Bestimmte Positionen gelten als selbstverständlich fortschrittlich, andere als selbstverständlich problematisch. Die tierrechtliche Frage wird anschließend innerhalb dieses Koordinatensystems interpretiert.
Wir wollen diese Reihenfolge umkehren oder durch Triangulierung ersetzen.
Nicht die Zugehörigkeit zu einer politischen Gruppe soll darüber entscheiden, was als richtige Erkenntnis gilt. Vielmehr wollen wir von der Erkenntnis aus fragen, welche politischen Konsequenzen sich daraus ergeben.
Eine tierrechtliche Position kann in einer Frage mit einer linken Position übereinstimmen, in einer anderen mit einer rechten, liberalen, konservativen oder mit einer Position, die sich in diese Kategorien überhaupt nicht einfügt. Daraus folgt nicht, dass Tierrechte links, rechts oder irgendetwas dazwischen wären.
Entscheidend ist nicht zuerst, wer eine Position vertritt. Entscheidend ist, was durch sie sichtbar wird — und wo sie gegenüber Tieren weiterhin in einer problematischen Weise anthropozentrisch bleibt.
Die politische Dichotomie ist damit nicht bedeutungslos. Sie ist aber als alleiniger Ausgangspunkt für die Tierrechtsfrage analytisch unzureichend.
Wir beanspruchen dabei keinen Standpunkt außerhalb aller gesellschaftlichen Zusammenhänge. Das wäre eine andere Form von Abstraktion. Es geht um etwas anderes: um einen eigenen Ausgangspunkt.
Von dort aus lassen sich unterschiedliche politische, soziale, ökologische und kulturelle Realitäten miteinander in Beziehung setzen, ohne eine von ihnen vorschnell zur übergeordneten Erklärung für alles andere zu machen.
Man könnte also sagen:
Wir versuchen zu triangulieren — ausgehend von einer anderen zentralen Frage und Priorisierung, als Parteien und politische Lager dies tun. Eine politische Seite kann für unsere Frage nicht zur übergeordneten Erklärung für alles andere werden. Der Blickpunkt selbst muss sich verändern können.
Denn ohne einen eigenen Ausgangspunkt besteht die Gefahr, dass man bestehende destruktive Anthropozentrismen lediglich zwischen verschiedenen politischen Lagern hin- und hertransportiert. Dann verändert sich vielleicht die politische Sprache. Nicht aber unbedingt der Blick auf Tiere und die Tierwelt. Und genau hier setzt unsere Frage an.
Tierrechte können für uns keine bloße Position innerhalb einer bestehenden politischen Landkarte sein. Sie können ein Ausgangspunkt sein, von dem aus wir diese Landkarte selbst betrachten. Wir fragen daher nicht zuerst: Wo gehören Tierrechte politisch hin? Sondern: Was wird sichtbar, wenn Tierrechte selbst zum Ausgangspunkt des Denkens werden?
—
