Tierrechte Messel. Tierrechte und Punk: Herrschaftskritik, Pamphlet

Gleichrichtungsebenen

Speziesismus / Tierobjektifizierung und zeitgenössischer Systemkonformismus

Unsere Annahme: Eine fortlaufende, systemische Gleichrichtung des Denkens ist kein historisches Einzelereignis der Jetztzeit gewesen, das in einem luftleeren Raum bestimmter politischer Herrschaftsformen stände, sondern der Normalzustand eines sich selbst stabilisierenden, geschlossenen Diskursraums.

In unserer zeitgenössischen Massengesellschaft tritt diese strukturelle Homogenisierung offenbar nicht in einem geschichtlichen Kapitel eines diktatorischen Zwangs auf. Was wir vielmehr mit Erstaunen beobachten ist ein autopoietischer, kollektiver Konformismus.

Dass eine lückenlose Nivellierung abweichender Perspektiven auch die ökologische und ethische Realität fundamental mitverzerrt, fällt kaum auf – insbesondere in einer Gesellschaft, die an freiheitlicher Selbstüberschätzung leidet. Nur, während der Einzelne sich einbildet, frei zu denken, bleibt der kollektive Blick auf die Natur in einem nicht mehr als solchen wahrgenommen Rahmen gesellschaftlicher Einstimmigkeit gefangen.

Um diesen Zustand zu begreifen, muss man sich die konkrete Beschaffenheit dieser Gleichrichtung anschauen. Sie ist nicht dekretiert, sondern organisch gewachsen; sie ist das Produkt einer zumindest geistig evolutionären Anpassung des Systems an die Anforderungen von Massenproduktion und Herrschaftssicherung. Ihre Funktion stabilisiert sich durch ein justiertes Ineinandergreifen verschiedener Ebenen, die Abweichungen gar nicht erst entstehen lassen, darunter:

  • Die Ebene von Sprache und Begrifflichkeit: Sie erzeugt eine lückenlose Abstraktion und Euphemisierung. Lebendige Mitwesen werden sprachlich objektifiziert, in direkter oder funktional Prozesse benennender Weise: „Nutztiere“, „Bestände“, „Biomasse“ oder „Rohstoffe“, etc. als Umdeklarierungen, die Rolle, Bewertung und einen Zweck festlegen. Solche semantischen Formatierungen entziehen dem nichtmenschlichen Bereich, der Natur und den nicht in den eigenen Denksystemen liegenden Realitäten deren autarke Integrität und den Erlebenden ihren freien Subjektstatus. Das gesamte menschliche Kollektiv innerhalb solcher Systeme ermöglicht sich selbst hierbei eine psychologische Distanzierung, indem Prozesse und Zuordnungen als gerechtfertigt markiert werden. Wichtig ist in diesem Zusammenhang beobachtbarerweise, dass selbst eine Erweiterung von Terminologien selbst immer noch abgeleitete, entschärfte Varianten darstellen, und keine echten Korrekturen und insofern an den Funktionsrahmen auch nichts ändern.
  • Das Kognitive und Institutionelle: In Wissenschaften, Im Recht und den Ökonomien ist die alles übergreifende Prämisse fest verankert, dass das Nicht-Menschliche keinen substanziellen inhärenten Wert besitzt, zumindest nicht bedeutungsvoll „in sich selbst“ genommen – wenn, dann konsequent nur in abgeleiteter und die Paradigmen nicht gefährdender Weise. Rechtlich gelten Tiere und Ökosysteme, d.h. die Mitwelt, primär als Eigentum und/oder Ressourcen. Das System belohnt die bedingungslose Anpassung an diese Prämisse, während es andere Rahmenwerke und einen daraus ableitbaren radikalen Schutz vordergründig als „unwirtschaftlich“ und grundlegend als in irgendeiner Form „irrelevant“ sanktioniert (weil seinen Rahmenwerken nicht zuführbar).
  • „Fortschritt“ und Alltag und deren materielle Ebenen: Die Architektur unseres Alltags ist so beschaffen, dass die Gewalt am Nichtmenschlichen ästhetisiert und/oder verharmlost wird, und, teils mit Tabus behaftet, ins Abseitige und Negierte gerückt wird: Schlachtung ist kulturell und geschichtlich vollkommen normalisiert, Monokulturen und Tagebaue sind geografisch und visuell ausgelagert und spiegeln die Ästhetik menschlicher Herrschaftsfantasien über die Welt, die ausgleichend in ökologisierte persönliche Räume rückübersetzt werden. Der Konsument begegnet der Ressource, in egal welcher Form, als ein perfekt für ihr angedachtes Endprodukt. Ob physische Trennung oder direkte Einbindung, beide Varianten sorgen für eine inhaltlich abgesteckte, synchrone aber besondererweise kulturübergreifende moralische Betäubung der Massengesellschaften, in der Stabilität vermutlich gewachsen ist aus den Übereinkünften ihrer Vorläufergeschichten oder die freiwillige oder zwangläufige Unterwerfung unter diese.

An dieser Stelle zeigen sich bestimmte Funktionalitätsfragen: Dass die globalisierte Wirtschaft und die Lebensweisen scheinbar reibungslos ineinandergreifen, ist aus einer utilitaristischem Sichtweise, und damit wegen der Kalkulierbarkeit der Fragen des maximalisierbarsten Wohls, relevant. Ein System kann aber hochfunktional, logistisch brillant und maximal effizient sein und dennoch in seiner gesamten Struktur an der Realität vorbeiorganisiert sein. Die Fähigkeit eines Wirtschaftssystems zur Stabilität und zum „Wachstum“ ist nicht identisch mit der Fähigkeit zu einer gesellschaftlichen oder individuellen menschlichen Selbsterkenntnis über Fehler in den eigenen Bezügen zur realen Welt [Mitwelt].

Die Schwierigkeit liegt darin, dass Gesellschaften ihre eigenen Grundannahmen selten als historisch begrenztes Weltbild erkennen wollen. Was heute durch die kollektive Gleichrichtung als alternativlos gilt, erweist sich oft als Ausdruck etlicher zeitlich- und geschichtlich verschleppter toter Winkel.

Der Rassismus vergangener Epochen konnte sich gerade deshalb stabilisieren, weil er nicht nur als Meinung einzelner existierte, sondern als normierte, unhinterfragte Realität in Wissenschaft, Politik und Alltag verankert war – genau wie die Mechanismen, die wir in der Beschaffenheit der heutigen Thematik von Fragen über Naturbeherrschung und Anthropozän finden. Und exakt demselben Muster eines Eindruckes von Folgerichtigkeit aus „der eigenen Warte heraus“ folgen Speziesismus und Tierobjektifizierung.

Die Einteilung der Welt in „höherwertige“ (mit all dem, was das beinhaltet) menschliche Subjekte und „minderwertige“ tierliche Objekte ist so tief in unseren Institutionen, Gesetzen und Verständnissen über unsere Rechte – sich rechtfertigend auf der Grundlage von Eigenschaften und Menschheitsgeschichte – eingebettet, dass sie den meisten Menschen als Naturgesetz erscheint und alles andere Nihilismus wäre, so dass hier eben nicht eine „Trennung unter Gleichen“ den Hintergrund des Konflikts bildet, sondern eine in ganz anderer Weise existenzielle Frage, die nah an der Frage angesiedelt ist, was Welt überhaupt ist, aus Sicht eines über sie herrschen wollenen „Menschheitsgeschlechts“. Ein Punkt der eindeutig weiter zu diskutieren wäre.

Die Mitwelt wird durch die synchrone Logik des Systems zur reinen Ressource und verhandelbaren Gegenständlichkeit degradiert. Die Fähigkeit unserer Gesellschaft zur einer echten Selbstkritik entscheidet sich deshalb daran, ob sie diesen grundlegendsten anthropozentrischen Grundkonsens als Urhegemonialanspruch zu hinterfragen in der Lage ist oder aber immerhin bereit ist zu akzeptieren, dass manche Menschen eben dies explizit (oder auch explizit in einer eher verinnerlichten Weise) tun.

Aus der gegebenen Problematik menschlicher dominierender Vorstellungen von „irdischem Sein“ – bei dem die vorherrschende Ansicht einer „Menschheit“ [der in dem Punkt anscheinend jeder Abstraktionswille fehlt] die Erde [diesen Teil des Universums] selbst zu einem Objekt menschlicher Definitionshoheit umdeutet – wird ersichtlich, dass eine solche umfassende Homogenisierung des Denkens, wie wir sie in dieser Frage vorfinden können, keineswegs ein geschlossenes, klassisches tyrannisches System voraussetzt (bei dem jeder nach heutiger Denknorm auch von einem solchen sprechen würde, ohne damit rechnen zu müssen umgehend und grundsätzlich in Frage gestellt zu werden).

In der demokratischen Massengesellschaft in die Ausbeutung der Natur und anderer Spezies ein brennendes existenzielles Thema, in eben jenem kalkulatorischen Rahmen. Die Frage der Negierung der Eigenebedeutung schlechthin (und alles was sich daran knüpfen kann; uns fehlt hier die Unendlichkeitssprache) der Natur und anderer Spezies ist aber ein strukturelles und in unrechtmäßiger Weise von unseren Gesellschaften „gerechtfertigtes“ Phänomen, dass in die Unsichtbarkeit abdelegiert werden darf: Ein Prozess von dem die verbleibende Sichtbarkeit allein die ideologisch-kulturelle Rechtmäßigkeit abzubilden hat, usw.

Die Gleichrichtung, die sich um all die Tier- und Mitweltobjektifizierungsfragen windet, ist ein fundamentaler Stabilitätsfaktor, deshalb kann in Leitmedien oder politischen Debatten über die Radikalität dieses Zustands nicht gesprochen werden. [1]

Würde man den Speziesismus, die Objektifizierung von Tieren und die Reduktion der Mitwelt auf ihren Nutzwert offen als das entlarven, was sie sind – eine historisch gewachsene, vielschichtige Gewalt- und Vernichtungsstruktur von tierlicher Realität und Naturwelt –, würde das gesamte moralische und ökonomische Selbstbild auch der gesellschaftlichen Zusammenschlüsse, Selbstverständnisse und Ideale der „Moderne“ sowie der aus der Vergangenheit abgeleitete Herrschaftsanspruch sich als Hinterfragungsgegenstand erweisen. Jeder systemische Konformismus schützt die Gesellschaften aus denen er hervorgeht, seine eigenen Mechanismen und seine eigene Grundpsyche. Der Schutz vor dieser Selbsterkenntnis ist also gewährt, und dies beachtlicherweise, indem die Zerstörung der Welt, auf der alles entscheidenden Ebene der Sinnfrage, als ein evolutionärer „Fortschritt“ begriffen wird. [2] Der kollektive menschliche Corpus bleibt ein bedingtes kalkulatorisches Konstrukt, das uns die Vorstellung von Freiheit in eben der Weise vorgibt.

[1] Gerade aus der Grund massenmedialen Restriktion diskutieren wir an anderer Stelle die soziologische Bedeutsamkeit der kleinteiligen, auf individualisierter Ebene stattfindenden Kommunikation im Punkte Tierrechtsfragen, siehe: Tierrechte Messel: Wie kann ich meine menschlichen Grundrechte geltend machen zur Einforderung fundamentaler Tierrechte? In: E-Reader: Gruppe Messel, Jahrgang 4, Nr. 7, 2022. Edition Farangis. Online verfügbar unter: https://farangis.de/reader/e-reader_gruppe_messel_2022_7.pdf (Zugriff: 26.07.2026). Deutsche Nationalbibliothek: https://d-nb.info/1270042017 (Zugriff: 26.07.2026).

[2] Die Allumfänglichkeit der ersten Natur auch in ihrer bruchstückweisen Umformung in eine anthropogene Masse wirft weitere Fragen über Selbstwahrnehmung von Menschen auf, wir spiegeln diesen Punkt in: Tierrechte Messel: „Das Habitat“. In: E-Reader: Gruppe Messel 2025/10, Jahrgang 7, Nr. 10, Dezember 2025. Edition Farangis, ISSN 2700-6905, S. 55. Online verfügbar unter: https://farangis.de/reader/e-reader_gruppe_messel_2025_10.pdf (Zugriff: 26.07.2026). Deutsche Nationalbibliothek: https://d-nb.info/1385552174 (Zugriff: 26.07.2026).

 

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