Tierrechte und begriffliche Herrschaft

Tierrechte Messel

„Tier“ ist nicht nur eine biologische Kategorie. Es ist eine politische Infrastruktur der Herrschaft: eine begriffliche Konstruktion, die das Nichtmenschliche als verwaltbare Differenz organisiert und dabei eine Hierarchie von Denken und Handlung etabliert – eine Hierarchie, in der das „geistige Menschliche“ als Idee erst das vermeintlich nicht-denkende Tier in einen [„sich-in-der-Natur-begründen-sollenden“] Antagonismus versetzt.

Wo Herrschaftskritik an sich selbst endet > Über tote Winkel in der Tierverteidigung

I. Fünf Sätze vorab

  1. Wer „Tier“ in der gegenwärtig üblichen Weise definiert, übt Macht aus.
  2. Wer Macht kritisiert, ohne eigene Definitionsmacht zu prüfen, verbleibt in der Struktur.
  3. Hilfe, ohne Hilfe durch kritische Analyse, stabilisiert Hierarchien mitunter.
  4. Gewalt endet im physischen Übergriff, aber beginnt (noch immer) im Einordnen.
  5. Freiheit, die alles benennen und verwalten will, bleibt in der Regel Herrschaft.

II. Die verkürzte Kritik

Im deutschsprachigen Raum wird Tierrechtsarbeit meist als moralische Erweiterung verstanden. Tiere sollen berücksichtigt werden, weil sie leiden. Weil sie fühlen. Weil sie uns ähnlich sind. Das Problem liegt nicht aber nicht im Mitgefühl. Das Problem liegt in den verkürzten Sichtweisen auf Tiere und tierliche Belange.

Während der Anspruch allgemein besteht und in seiner Breite anerkannt wird, dass gesellschaftliche Machtverhältnisse beim Menschen differenziert analysiert werden – ökonomisch, kulturell, historisch, psychologisch –, wird bei Tierbelangen lediglich abgeleitet, und dabei reicht ein moralischer Appell mit einer sehr engen Rahmung um tierliche Unabhängigkeit herum – die selbst nur schwerlich hinterfragt wird, weil der ganze Raum des Tierseins nach normalisierter Ansicht keine Themen bildet, die Menschen als in-der-Welt-die-Dinge-bewegend und als geistig, als ‚erzählend‘ und kontextuell betrachten würden.

Die menschliche Kultur und ihr Selbsterhalt bilden Geschichte, Gegenwart und Zukunft, und Tieren kommt in dem Lauf der Dinge eine in der einen oder anderen Art zugewiesene aber immer sekundäre und menschlichen Herrschaftsansprüchen unterworfene Rolle zu. Dass Relationalität aber auch in anderer Position und gerade vor einem tierlichen Hintergrund eigene Geschichte, Gegenwart und Zukunft darstellt, die als nicht-humanzentrisch zentral betrachtet werden müssen, wird als Warte eher nicht in Betracht gezogen, sondern man schafft verschiedene Nebenschauplätze für die abgehängte, durch Menschen dominierte „ursprüngliche Natur“.

Eine Kampagne. Ein Bild. Eine Reformforderung bleiben daher in ihrem Effekt begrenzt auf die Aussagen, die man schafft, innerhalb seines Rahmens und Ansatzes zu vermitteln. Die Kampagne betrifft einen innergesellschaftlichen Konfliktdialog, nähert sich aber nicht zwingend der Realität von Unrechtsgestaltung und Unrecht aus einer weiter gefassten Perspektive heraus.

Ist die eigene Fassung von Unrecht und speziesistischen Unrechtssystemen verkürzend, wird unausgesprochen signalisiert: Für Tiere reicht weniger Analyse, weil das Thema nur innerhalb eines festgesteckten Horizonts angegangen wird. Genau in der Verweigerung einer vollen Breite an Herrschaftskritik, die dem Gegenstand gerecht würde, zeigt sich eine Hierarchie.

III. Die Definitionsmacht

„Tier“ ist nicht einfach eine neutrale Kategorie, was die Haltungen von Menschen zum Gegenstand ihres Gesprächs anbetrifft. „Tier“ wird codiert als ein gesellschaftlicher Freischein zur Trennung allgemeiner ethischer Relevanz, zur Ordnung von Relationalität und Wertung von Perspektivität, zur eigenen systemkonformen Abgrenzung von Verständnissen über Subjektivität, usw.

Wer definiert, was Tier ist, legt zugleich u.a. fest:

  • welchen Status er Tieren zuteilen möchte,
  • welche Rechte er als relevant begreift und für „erteilenswert“ hält,
  • welche Rolle Tiere für ihn im Kontext mit ihm selbst spielen,
  • wie weit sein Relationalitätsverständnis reicht und wie differenziert er dieses begreift.

Auch Verteidigung bewegt sich innerhalb einer Ordnung, die sich hinter dem Begriff „Tier“ abbildet. Die Kategoriebildung kann daher immer hinterfragt werden – auch wenn der Anspruch auf Verteidigung vordergründig erstmal angelegt ist.

Wenn Tiere begrenzt ethisch aufgewertet werden, aber weiterhin als nicht im Sinne ihrer Autonomie definierte Gruppe innerhalb menschlicher Begriffe existieren, bleibt die Struktur immernoch stabil. Man hat die Position vielleicht verschoben – aber nicht das System.

IV. Die Parallele zur Natur

Im Umweltschutz zeigt sich das gleiche Muster.

Natur, Mitwelt, wird allgemein geschützt:

  • weil sie nützlich ist, instrumentalisierbar ist, Ressource ist,
  • weil sie Lebensgrundlage menschlicher Existenz ist,
  • weil sie stabilisierend und regenerativ wahrgenommen wird,
  • weil sie in dem Maße und in der Art erhalten werden muss, damit „unser“ Leben auf der Grundlage so existierender Ökosysteme und Ökologien bestehen kann. D.h. „Natur“ wird bedingt geschützt, mit menschlichem Nutzens- und Herrschaftsanspruch, gleich welcher Art.

Natur erscheint als Instrument – selbst im Schutz. Ihr wird kein eigenständiger Maßstab zugestanden in der Alltagsrhetorik. Sie existiert für die Gesellschaft innerhalb menschlicher Zwecksetzungen. Dasselbe geschieht mit Tieren, wenn auch auf einer tierlich-personifiziert emotiveren Ebene, in der sie moralisch relevant werden: das aber nicht begrifflich unabhängig in > direkter Triangulation zur Welt und insofern als ethische, gestaltende Akteure und Mitlebewesen.

V. Die Grenze der Freiheit

Die westliche Idee von Freiheit ist stark – aber sie ist zentriert. Sie gewährt dem Subjekt potenziell Freiheit, wobei die Grenzen gesteckt sind durch erkenntnistheoretische und geschichtlich errichtete wertegebundene Konsense. Sie denkt Moral vom Menschen aus, indem die Bausteine sozialer Relationalität an menschliche Selbsterfahrung gebunden werden und eine lange Kette der Askription verhindert, dass Tiere und Relationalität, als gedachter und empfundener sozialer Wert, miteinander in Verbindung gesetzt werden dürften, aus menschlicher Sicht. Das Interessante der westlichen Idee von Freiheit ist: Sie verteilt Anerkennung.

Was sie dabei kaum zulässt (und ihre Universalität erlaubt es ihr, ihre Raster von praktisch jeder Warte aus anzulegen, die sich in ein Kompatibilitätsverhältnis begibt), ist ein Bereich, der sich ihrer Einordnung entziehen darf:

Sobald Tiere oder Natur nicht mehr als verwaltbare Kategorien erscheinen, sondern als eigenständige Bezugspunkte, gerät das System als Idee ins Wanken. Und aus dem Grund endet Freiheit oft da, wo die von ihr verwendeten und als gültig anerkannten Begriffe nicht mehr greifen.

VI. Gewalt beginnt früher

Gewalt ist nicht erst die absolute Hölle der Schlachtungsprozesse, die Folter in widriger Einsperrung oder jede Form leiblicher und tierlich-seelischer Zerstörung. Gewalt beginnt dort, wo etwas vollständig in eine Kategorie, insbesondere eine problematische negierende Kategorie gepresst wird. Wo das bezeichnete Andere als Gegenüber typischerweise reduziert wird auf:

  • Ressource,
  • Objekt,
  • Verwaltbares Schutzgut,
  • Moralisch abzuwägender Fall

Und das Ineinanderwirken solch administrativer Kategorien. Solange diese Form der Einordnung nicht kritisch mitgedacht wird, bleibt die Analyse von menschlicher Gewaltpsychologie im Speziesismus und in der Tierobjektifizierung unvollständig. Man kritisiert die Handlung bis zu diesem oder jenem Grad, aber man lässt Aussparungen zu und greift so bewusst nicht in sämtliche sich darbietenden Tiefen von Gedanken-Architekturen und -Ordnungen ein, die derart Haltungen möglich machen.

VII. Warum Anschluss derzeit nicht die Lösung ist

Aus einer neuen Denkrichtung, die Tierrechte in der Lage ist eigenständig und in ihren Besonderheiten zu denken, ohne sich den Grundrechtsfragen zu entziehen, ist es möglich über einen Anspruch der Erteilung von Rechten hinauszugehen, deren Grundpfeiler ja selbst überhaupt durch eine Kultur der Ausschlusses und des Übergriffs zustande gekommen sind. Denn wenn im Zuge einer vermeintlichen Kompatibilitätsschaffung die Grundkategorien der Alleinstellungsmerkmale von Tierobjektifizierung ohnehin unangetastet bleiben, dann bleibt auch die Hierarchie bestehen.

Eine radikale Haltung erschwert den Anschluss an Bewegungen, die auf teils begrenzend pragmatische Lösungen setzen. Nicht, weil Verbesserungen falsch wären, sondern weil sie oft als ausreichend gelten. Doch solange die Frage nach der Definitionsmacht offen bleibt, bleibt auch die Struktur intakt.

Solange Tiere in unseren Begriffen gefasst werden müssen, um gelten zu dürfen, bleibt ihre Verteidigung Teil derselben Ordnung, die sie verfügbar macht. Eine Herrschaftskritik, die diese Grenze nicht reflektiert, endet an sich selbst. Wer Gewalt vollständig entlarven will, muss dort beginnen, wo sie am unscheinbarsten ist: im Akt des autoritativen Einordnens, der Relationalität unterschätzt.

VIII. Sprache, Sprechen und Relationalität

Die Kritik an der Kategorie „Tier“ bedeutet nicht, dass begriffliche Annäherung an tierliche Existenz und Tiersein unmöglich wäre. Im Gegenteil. Eine wirkliche Annäherung kann erst dort beginnen, wo Sprache ihre eigene Ordnungsfunktion reflektiert und nicht länger stillschweigend als neutrale Beschreibung der Welt auftritt. Das Problem liegt weniger in der Sprache selbst als in der Art, wie ihre Begriffe organisiert sind – oft eng gebunden an bestimmte Formen menschlicher Selbstdefinition.

Eine andere sprachliche Praxis würde daher nicht versuchen, Tiere vollständig in menschliche Ordnungssysteme einzuordnen, sondern Relationalität ernst nehmen. Sprache könnte weniger als Instrument der Einordnung fungieren und stärker als Medium der Beziehung. In einer solchen Perspektive würde nicht zuerst gefragt, was Tiere innerhalb ordnender Begriffe sind, sondern wie sich Begegnung, Koexistenz und gemeinsame Weltbezüge beschreiben lassen.

Das setzt allerdings voraus, dass auch der Begriff des Menschlichen offener wird. Solange „Menschsein“ sich primär über Homogenität und Abwertung des Nichtmenschlichen denkt – über deutlich zu eng gefasste Vorstellungen von Vernunft, Sprache, Kultur oder Moral – bleibt auch das Sprechen über Tiere eine Sprache definierender Distanz und schließlich der Verwaltung des als außerhalb dieser Ordnung gedachten Anderen.

Eine relationale Sprache könnte dagegen anerkennen, dass tierliche Existenz nicht vollständig in menschlichen Kategorien aufgehen muss. Sie würde nicht versuchen, das Nichtmenschliche vollständig in übergreifender Weise zu erkennen, um es in bestehende menschliche Systeme einordnen zu können, sondern Raum lassen für das, was sich einem kanonisierenden Denken menschlicher Begriffsordnung in vielerlei Hinsicht entziehen mag. In diesem Grenzbereich könnte eine andere Form der Annäherung und Anerkennung entstehen: eine Anerkennung nämlich von Offenheit innerhalb geteilter Weltbezüge bei gleichzeitiger Achtung von Autonomie.

 

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