Kunst und Speziesismus: Ästhetik und objektifizierende Rahmen

Kunst und Speziesismus: Ästhetik und objektifizierende Rahmen

„Progressive“ Kunst, die speziesistische Hierarchien reproduziert

Die Objektifizierung von Tieren setzt sich in zeitgenössischer Kunst und im akademischen Diskurs fort – häufig im Gewand von Kritik, Progressivität oder interspezifischem Bewusstsein. Während offene Ausbeutung weithin verurteilt wird, bleiben verfeinerte Formen – etwa Taxidermie, hybride Arrangements oder ästhetisierte Darstellungen – akzeptiert, selbst innerhalb von Kontexten, die sich als interspezifisch sensibel verstehen.

Das Problem liegt nicht in der groben Nutzung. Es liegt in der epistemischen, symbolischen und leiblichen Transformation tierlichen existenziellen Seins in Instrumente menschlicher Reflexion. Tiere werden nur unter menschlichen Vorzeichen lesbar gemacht. So entsteht eine definitorische Hierarchie epistemischer Leerstellen: strukturierte Zonen, in denen tierliche Agency, relationale Präsenz und leibliche Integrität getilgt oder suspendiert werden. Tiere erscheinen dann ausschließlich durch menschliche Kategorien hindurch.

Im Folgenden wird „tierliches Sein“ als verkürzende Bezeichnung für „tierliches existenzielles Sein“ verwendet.

Konditionale Objektifizierung und epistemische Hierarchie

Das strukturelle Problem besteht darin, dass tierliches Sein als verhandelbar behandelt wird – nicht als unantastbar. Die ethische Bewertung richtet sich nicht primär auf das Tier selbst, sondern auf das menschliche Argument: Ist das Werk reflektiert? kritisch? sensibel? Das epistemische Zentrum bleibt der Mensch.

Tiere nehmen die Position epistemischer Leerstellen ein: Sie sind präsent, jedoch nur, um interpretiert, vermessen oder gemäß menschlicher Kategorien transformiert zu werden.

Interner Speziesismus zeigt sich als hierarchisch konditionierte Akzeptanz. Tiere mögen als Opfer anerkannt werden, doch ihre relationale Präsenz und ihre leibliche Integrität werden nie als kategoriale Grenze verstanden.

Sprache, Repräsentation und epistemisches Fehlmapping

Sprache und Repräsentation fungieren als Instrumente der Platzierung und Zuordnung. Tiere werden verortet, benannt und gerahmt entlang menschlicher Prioritäten. So entstehen epistemische Fehlmappings: Tierliches Sein ist nur insofern verständlich, als es sich in menschliche Kategorien von Bedeutung, Leid oder ästhetischem Wert einfügt.

Repräsentation ist nicht Anerkennung. Trauma, Tod oder Sozialität können thematisiert werden – doch das Tier wird dabei zum Medium: sein Leiden zum Reflexionsmaterial, sein Körper zur Projektionsfläche, seine Existenz zum Symbol. Die Deutungshoheit darüber, was als tierliche Erfahrung gilt, verbleibt vollständig beim Menschen.

Das „Wir“ des Wissens

Im Diskurs über Tiere koexistieren zwei Formen des „Wir“:

  1. Das hierarchische „Wir“ – ein verpflichtendes, autoritatives Kollektiv, das für Tiere spricht, sie bewertet und Tierlichkeit nach menschlichen Normen kartiert. Es erzeugt definitorische Hierarchien und reproduziert speziesistische Voraussetzungen. Tiere werden als epistemische Leerstellen positioniert: Erkenntnislücken gelten als Eigenschaft der Tiere, nicht als Anlass zur Revision eigener Kategorien.
  2. Das dialogische „Wir“ – ein vorläufiger, reflektierender Raum, der Abwesenheiten, Schweigen und Brüche wahrnehmen kann in dem tierisches Sein und körperliche Integrität unberücksichtigt bleiben. Dieses „Wir“ beteiligt sich an der Neukalibrierung von Kategorien, Kontexten und relationalem Verständnis, ohne normative Autorität

Selbst progressive Diskurse können Hierarchie reproduzieren, wenn das hierarchische „Wir“ in sanfter Sprache auftritt – Leid anerkennt, kritisch rahmt oder ästhetisierte Kritik feiert – und dennoch die Autorität behält, festzulegen, was als tierliche Erfahrung gilt.

Jenseits ästhetischer Verwaltung

Die Unantastbarkeit tierlichen Seins und das Fortbestehen speziesistischer Hierarchien lassen sich nicht durch Empathie oder Reflexion allein überwinden. Das zentrale Problem ist die Verfügbarkeit: Solange tierliches Sein für Transformation zugänglich bleibt, reproduziert selbst die reflektierteste Kunst Hierarchie.

„Befreiung“ oder „Abolition“ als Vokabular genügen nicht. Erforderlich ist strukturelle Unantastbarkeit: Tierliches Sein darf nicht menschlicher Autorisierung unterliegen – unabhängig von Rahmung oder Kontext.

Beispiel: Taxidermie in der zeitgenössischen Kunst

In künstlerischen und kuratorischen Kontexten werden Trauma, leibliche Deformation oder Tod ästhetisiert und in epistemisches sowie symbolisches Material überführt [1]. Auch Netzwerke wie Minding Animals, die Trivialisierung untersagen, erlauben konditionale Nutzung, sofern die menschliche Rahmung als reflektiert oder kritisch gilt [2].

Die Objektifizierung wird nicht aufgehoben – sie wird rationalisiert und sprachlich legitimiert. So zeigt sich, dass interner Speziesismus strukturell wirkt, nicht notwendig offen oder aggressiv.

Definitorische Hierarchie epistemischer Leerstellen

Im Zentrum des internen Speziesismus steht die definitorische Hierarchie epistemischer Leerstellen:

  • Menschen definieren, was als tierliche Erfahrung gilt; was nicht in bestehende Kategorien passt, erscheint als leer oder irrelevant.
  • Diese Leerstellen sind zugleich epistemische Lücken des Menschen: Ohne eine Neukalibrierung unserer Begriffe erfassen wir tierliche Präsenz, Agency und relationale Bedeutung nicht.
  • Anerkennung setzt voraus, hegemonial menschenzentrierte Epistemologien zu überschreiten und neue Begriffe, Kategorien und Methoden zu entwickeln, die tierliche Existenz aus sich heraus denken.

Zur konzeptuellen Neukalibrierung

Die philosophische und aktivistische Aufgabe besteht darin, diese strukturellen Leerstellen zu adressieren. Erforderlich ist nicht bessere Repräsentation oder verfeinerte Empathie, sondern eine Neukalibrierung grundlegender Kategorien: Sein, Agency, Kontext und relationale Bedeutung.

  • Entzug der Verfügbarkeit – Tierliches Sein darf nicht länger für ent-subjektivierende symbolische oder ästhetische Transformation verfügbar sein.
  • Ent-Autorisierung – Menschen müssen den Anspruch aufgeben, tierliche Präsenz hierarchisch zu definieren oder zu instrumentalisieren.
  • Anerkennung der Unantastbarkeit – Tierliches Sein ist strukturell unverfügbar und unantastbar zu achten.

Solange diese Verschiebungen nicht erfolgen, reproduziert selbst die progressivste Kunst oder Theorie jene Hierarchien, die sie zu kritisieren vorgibt.

Schluss

Interner Speziesismus verbirgt sich häufig hinter subtiler, reflektierter oder „sanfter“ Sprache. Auch interspezifisch sensibilisierte Diskurse können Hierarchie fortschreiben, wenn Tiere als epistemische Leerstellen behandelt werden.

Struktureller Fortschritt erfordert:

  • den Entzug der Verfügbarkeit tierlichen Seins
  • die Anerkennung leiblicher und existenzieller Integrität als unantastbar
    • eine konzeptuelle Neukalibrierung jenseits hegemonial menschenzentrierter Denkrahmen

Erst dann können Tiere als vollwertige Seiende anerkannt werden – als sie selbst – und nicht als Instrumente, Metaphern oder Platzhalter innerhalb menschlicher Wissensordnungen.

Literatur / Referenzen

[1] Vgl. beispielsweise Jessica Ullrich, The Taxidermy Hybrid, ANTENNAE: The Journal of Nature in Visual Culture 7 (2008): 18–21. Verfügbar unter: http://johnisaacs.net/press_files/ANTENNAE_7_2008.pdf (Zugriff am 20. Februar 2026). Ullrich beschreibt taxidermische Hybridisierungen als imaginative und reflexive künstlerische Strategien und rahmt die Transformation tierlicher Körper in hybride Objekte als produktive ästhetische und konzeptuelle Praxis. Das Tier erscheint dabei primär als Material für symbolische Rekombination und epistemische Experimentation. Diese diskursive Rahmung verdeutlicht, wie Objektifizierung durch ästhetische und kritische Sprache rationalisiert werden kann, ohne die strukturelle Frage nach der Unverletzlichkeit tierlicher Existenz zu adressieren.

[2] Minding Animals Curatorial Guidelines for Exhibitions (27. Sept. 2017). Verfügbar unter: https://www.mindinganimals.com/wp-content/uploads/2018/05/Minding-Animals-Curatorial-Guidelines-for-Exhibitions-27-Sept-2017.docx.pdf (Zugriff am 20. Februar 2026). Die Richtlinien betonen, dass Kunstwerke, die Tiere einbeziehen, Trivialisierung vermeiden und ethische Reflexion sowie kritische Intention erkennen lassen sollen. Sie schließen jedoch die Verwendung tierlicher Körper oder Materialien nicht grundsätzlich aus. Stattdessen wird die Zulässigkeit von der Art der menschlichen Rahmung und kuratorischen Begründung abhängig gemacht. Dieser Ansatz veranschaulicht eine konditionale Objektifizierung: Der ethische Fokus liegt auf der Qualität menschlicher Intention und Diskursführung, nicht auf der Festschreibung der strukturellen Unverletzlichkeit tierlichen Seins.

rev. 20.02.26

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