Der unzureichende ethische Anspruch: Bürokraten und Tierrechte
Tierrechte Messel
Hier spricht jemand im Einsatz für Tiere – und zugleich basiert seine Theorie auf einem Raster, das Tiere in ihrer Freiheit und ihrem Sein in der Welt strukturell einschränkt:
Alasdair Cochrane ist britischer Politikwissenschaftler an der University of Sheffield, bekannt für seine Arbeit zur Tierethik aus einer empfindungsbasierten Perspektive. In seinem 2009 erschienenen Fachartikel „Do Animals Have an Interest in Liberty?“ kommt er, wie man in seinem Abstract liest, zu dem Schluss: „dass die meisten Tiere kein intrinsisches Interesse an Freiheit haben, weil sie in dem relevanten Sinne nicht autonom sind, das heißt, sie können ihre eigene Vorstellung vom Guten nicht formulieren, überarbeiten und verfolgen.“ Im Wortlaut: „I conclude that most animals do not possess an intrinsic interest in liberty because they are not autonomous in the relevant sense; that is, they cannot frame, revise and pursue their own conception of the good.“ https://researchonline.lse.ac.uk/id/eprint/21191/ (Zugriff am 12.03.2026)
In Animal Rights Without Liberation (2012) erweitert Cochrane dieses Argument innerhalb seines „interest-based rights approach“: Die meisten fühlenden Tiere seien keine autonomen Handlungsträger, ihnen komme kein soweit definierbarer Anspruch auf Freiheit zu, und Menschen hätten daher keine moralische Pflicht, sie zu befreien. https://cup.columbia.edu/book/animal-rights-without-liberation/9780231504430/ (Zugriff am 12.03.2026)
Zwar akzeptiert dieser Ansatz, dass Tiere Interessen daran haben können, Leiden zu vermeiden und weiterzuleben, doch daraus folgt für den Autor aber kein freistehendes, intrinsisch wertvolles Recht auf Freiheit.
Cochrane fragt nicht nach dem gelebten Sein der Tiere, sondern nach messbaren Eigenschaften, die menschlich interpretierbar sind – etwa Reflexion von Wünschen oder die Fähigkeit, eine „conception of the good“ zu entwickeln. Freiheit wird nicht als gelebtes Phänomen der Welt und in der Welt anerkannt, sondern als menschliche Kategorie, die Tiere strukturell ausschließt.
Die zentrale Frage, die sich daraus ergibt, lautet: Warum wird Freiheit überhaupt erst dann anerkannt, wenn sie innerhalb menschlicher Begriffe interpretierbar geworden ist – und nicht als gelebtes Sein der Tiere selbst?
Diese Beobachtung zeigt eine tiefergehende Paradoxie: Hier engagiert sich jemand für Tiere – und zugleich werden Tiere weiterhin objektifiziert, ihre Freiheit wird vollständig im epistemischen Raster menschlicher Theorie gefangen, bevor sie überhaupt als gelebte Realität existieren darf.
Freiheit wird hier nicht als Phänomen der Welt, sondern als Instrument menschlicher Lesbarkeit behandelt – eine Praxis, die die theoretische Tierrechtsarbeit selbst zur Freiheitsberaubung macht.
Auch stellt sich die Frage: Wie kann eine Theorie Tieren Rechte zusprechen, die ihre Freiheit und ihr Sein in der Welt gleichzeitig auf menschliche Maßstäbe beschränkt?
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In der akademischen Tierethik gehört > die Kritik am Speziesismus inzwischen zu dem guten Ton, der paradoxerweise nötig ist um dann doch nicht allzuviel umdenken zu müssen in Sachen Mensch und Tiere und Mensch und Natur – außer, dass wir die Natur alle liebhaben wollen. Wenig auffällig diskutiert, bei der durchschnittlich anzutreffenden Kritik am Speziesismus, wird, dass Tiere von den akademischen Elfenbeintürmen aus weiterhin meist, wenn nicht immer, durch ein biologisches Raster beschrieben werden: als Träger bestimmter kognitiver Fähigkeiten, Präferenzen, Nervensysteme oder Lernleistungen.
Die Frage lautet dann nicht mehr ob Tiere moralisch, also in wirklich grundlegenden moralphilosophischen Überlegungen über die menschliche Brille selbst auf das Tier, zählen, sondern eher: welche Eigenschaften sie bedingt nachweislich besitzen müssen, damit ihnen bestimmte Interessen – insbesondere etwa an Freiheit und gerade an Freiheit – zugeschrieben werden können.
Neue Studien über Kognition, Verhalten oder soziale Lernprozesse werden entsprechend gerne herangezogen, um Argumente zu stützen. Ein sich wiederholender Vorgang wissenschaftlichen Stagnierens.
So gut gemeint diese Versuche oft sind, vermutlich, bewegen sie sich doch weiterhin innerhalb eines Rahmens, der Tiere primär als biologische Objekte des Wissens erscheinen lässt – als Wesen, deren Eigenschaften erst empirisch nachgewiesen werden müssen, bevor über ihre Freiheit oder ihren Eigenwert gesprochen werden kann. Die Humanities verlieren sich in Vagheit sobald es um Übergänge zwischen Naturwissenschaft, Nützlichkeit und ethischem Recht geht.
Auffällig ist außerdem, dass Teile der akademischen Tierethik sich selbst gern als die verifizierende Instanz für Aktivismus verstehen. Gleichzeitig bleiben Formen praktischer Tierverteidigung – etwa direkte Interventionen gegen Jagd oder andere Schutzpraktiken – im philosophischen Diskurs meist erstaunlich randständig oder nutzen das Vakuum im öffentlichen Diskurs um Empirie Lügen zu strafen. Stattdessen kreist die Debatte weiterhin um die Frage, welche (bestimmten) Eigenschaften Tiere besitzen.
Ein kleines aktuelles Beispiel für diese Art von Argumentation:
Der Tierrechtsphilosoph Grumpy Philosopher schreibt auf Blueksy am 11.03.26 [https://bsky.app/profile/stevecooke.org/post/3mgrflwg7rk22]
„According to Alasdair Cochrane, nonhuman animals lack an interest in liberty because they cannot reflect on their desires & reframe them according to a conception of the good. Hence, they only have an instrumental interest in liberty. Freedom is valuable only insofar as it contributes to wellbeing.
„Alasdair is one of the best people, & I love his work, but he’s wrong about nonhuman freedom. This paper is one reason I think that: https://www.nature.com/articles/nature13998“
„As I type this, I can hear from the woodland the ‘teacher, teacher!’ song of one of the neighbourhood Great Tits. If tits are taught a novel feeding technique, they pass it on. Birds then prefer this technique over other options. So, it’s not just the seeds that matter but how they forage for them.“
„I think this research shows that the interest Great Tits have in liberty isn’t just instrumental. They care about how they satisfy their preferences. That would mean also that they don’t require higher-order reasoning capacities in order to have an interest in freedom.“
„Anyway, just some morning musings while I write. Maybe I’ll go spend a few minutes chatting with the birds that are inspiring me now.“
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Weiter:
Ein grundlegendes Problem vieler liberaler Tierethiken – exemplarisch bei Alasdair Cochrane in Animal Rights Without Liberation (2012) – liegt in der epistemischen Voraussetzung, auf der das Argument aufbaut.
Die Frage nach der Freiheit von Tieren wird dort daran gebunden, ob Tiere bestimmte mentale Eigenschaften besitzen, die für Menschen lesbar, interpretierbar und theoretisch rekonstruierbar sind – etwa die Fähigkeit, Wünsche zu reflektieren oder eine Vorstellung vom „Guten“ und so auch vom „guten Leben“ zu entwickeln.
Cochrane versteht unter einer „conception of the good“ nicht einfach ein gutes Leben erleben oder wahrnehmen, sondern eine reflexive Vorstellung davon, was ein gutes Leben ist, und die Fähigkeit, die eigenen Wünsche daran anzupassen. Damit wird Freiheit nicht als gelebtes Phänomen „in der Welt“ anerkannt, sondern als hochgradig intellektualisierte, menschengemachte Kategorie, die Tiere von vornherein ausschließt. Die epistemische Voraussetzung selbst – dass Freiheit nur innerhalb menschlicher Begriffe sichtbar oder „lesbar“ sein darf – erzeugt den Zirkelschluss: Tiere werden als unfähig definiert, die Bedingungen der Freiheit zu erfüllen, weil diese Bedingungen bereits hegemonial-anthropozentrisch konstruiert sind.
Freiheit wird in derart herrschaftsunkritischen Konstrukten gerade nicht als ein Phänomen der Welt und der gelebten Existenz verstanden, sondern als eine Eigenschaft, die innerhalb menschlicher Begriffe identifizierbar bleiben muss. Was nicht in dieses Raster passt, erscheint automatisch als „bloß instrumentelles“ Interesse.
Auch die Sprache selbst und ihre begriffliche Logik tragen hier zur Zirkularität bei: Ein philosophisches Konstrukt von „Freiheit“ wird zunächst innerhalb eines menschlichen Rahmens definiert – und anschließend geprüft, ob Tiere diese konstruierten Kriterien erfüllen. Die Theorie setzt damit ihren eigenen Maßstab voraus und bestätigt ihn zugleich.
Historisch steht diese Denkfigur nicht isoliert. Sie gehört zu einer wissenschaftlichen Tradition, in der Natur und Tiere vor allem als Objekte des Wissens, der Klassifikation und der Verfügung behandelt wurden – ein epistemischer Rahmen, der eng mit kolonialen und naturbeherrschenden Projekten der Moderne verbunden ist.
In diesem Sinne wirkt die Theorie weniger wie eine neutrale Analyse tierlicher Interessen als wie eine Fortsetzung dieser hegemonialen Perspektive: Tiere erhalten genau so viel Freiheit, wie innerhalb eines menschlichen Deutungssystems und Theoriegebildes über sie nachweisbar erscheint.
Praktische Formen der Tierbefreiung, die in den Theorien stattfindend wiederum erst eine menschliche Selbstbefreiung oder emanzipative Öffnung im Denken beim Menschen voraussetzen würden – etwa direkte Interventionen, Sabotageaktionen oder Schutzarbeit – verbleiben als Anspruch in ihrer Radikalität in solchen Diskursen eher im Bereich des Diffusen.
Eine radikalere Perspektive transponiert in die Theorien, würde ja schließlich auch die Ausgangsfrage verschieben. Nicht: Welche kognitiven Eigenschaften müssen Tiere besitzen, damit „wir“ ihnen Freiheit zuschreiben können? Sondern: Warum wird Freiheit überhaupt erst dann anerkannt, wenn sie in menschlichen Begriffen interpretierbar geworden ist?
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Alaisdair Cochranes Tierrechtsansatz in seinen kennzeichnenden Aussagen im Punkte „Freiheitsidee“ beläuft sich knapp gefasst auf:
In seinem 2009 erschienenen Fachartikel „Do Animals Have an Interest in Liberty?“ kommt Cochrane zu dem Schluss, dass die meisten nicht‑menschlichen Tiere kein intrinsisches Interesse an Freiheit haben, weil sie im relevanten Sinn nicht autonom sind – das heißt, sie können nicht „frame, revise and pursue their own conception of the good“.
https://eprints.lse.ac.uk/21191/ (Zugriff am 12.03.2026)
In Animal Rights Without Liberation (2012) erweitert Cochrane dieses Argument innerhalb seines „interest based rights approach“ und argumentiert, dass die meisten fühlenden Tiere keine autonomen Akteure sind, ihnen daher kein intrinsisches prima facie‑Recht auf Freiheit zukommt und Menschen folglich keine moralische Pflicht zur Befreiung von Tieren haben.
https://cup.columbia.edu/book/animal-rights-without-liberation/9780231504430/ (Zugriff am 12.03.2026)
Dieser Ansatz akzeptiert zwar, dass Tiere starke Interessen daran haben können, Leiden zu vermeiden und weiterzuleben, argumentiert jedoch, dass daraus kein freistehendes Recht auf Freiheit folgt, verstanden als etwas, das intrinsisch wertvoll wäre.
https://cup.columbia.edu/book/animal-rights-without-liberation/9780231504430/ (Zugriff am 12.03.2026)
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