Nachruf auf Helmut F. Kaplan
Wir haben mit Bestürzung erfahren, dass der Autor und Tierrechtsphilosoph Helmut F. Kaplan im Frühjahr plötzlich und unerwartet verstorben ist. Mit ihm verliert die Tierrechtsbewegung in Deutschland, Österreich und der Schweiz einen Denker, mit dessen Schriften und Impulsen eine Generation von Aktivisten im deutschsprachigen Raum aufgewachsen ist.
Helmut F. Kaplan gehörte zu jener selten gewordenen Art von Tierfreunden, die sich nicht scheuten, die Kernwiderstände und ethischen Sollbruchstellen unserer Gesellschaft direkt zu attackieren. Als streitbare Stimme der österreichischen Tierrechtsbewegung positionierte er sich mutig und kompromisslos gegen den Speziesismus in der Kunst – prominent verhandelt am Beispiel von Hermann Nitsch.
Was von einem Tierrechtler organisch zu erwarten wäre, ist in der Realität eine Ausnahme: Während viele Aktivisten Antispeziesismus in der Kunst affirmativ begegnen, scheuen sie überraschenderweise zugleich oft die Konsequenz, die sich aus der Kritik des etablierten Kunstbetriebs ergibt, sobald man einen Fokus auf das konkrete Geschehen speziesistischer Kunst richtet. Helmut F. Kaplan besaß diesen Mut zur Kulturkritik. Darin glich er dem ebenfalls viel zu jung verstorbenen Aktivisten Andreas Bender Hochhaus [Voice-Design, Herausgeber des Voice Magazins bis 2004 ; https://www.farangis.de/blog/speciesism-and-arts-nazi-species-nazisismism ], der sich ebenso klar gegen Nitsch und dessen Gefolgschaft stellte und damit eine unmissverständliche Richtung gegen die Objektifizierung von Tieren im Kunst- und Kulturbetrieb vorgab.
Kaplans Werk erinnert uns daran, dass der „War on Animals“ auf einem Kulturbegriff fußt, der das billionenfache Schlachten als Normalität tarnt. Selbst bei Massenmorden an Menschen ist das Phänomen der Routinierung von Tötungsprozessen dokumentiert; beim Tier ist diese technokratische Abstumpfung das Fundament unserer Kulturen und unserer mehrheitlich persönlich gewählter Lebensweisen.
Die kollektive Furcht vor der Gleichung, dass der zur Tötung freigegebene Körper – ob Mensch oder Tier – im System dieselbe industrielle Gleichgültigkeit erfährt oder erfahren kann, führt zu reflexartigen Abwehrmechanismen und Tabus. Diese Verdrängung blendet aber aus, dass die psychologische Abstumpfung im Prozess des Tötens dieselbe bleibt.
Kaplan stieß, wie das tatsächlich vielen bekannten Aktivisten an der einen oder anderen Stelle passiert, auf unverhandelbare Kritik – in seinem Fall im Punkte der Vergleiche von Orten der institutionellen Gewalt und der Frage darüber, ob Menschen institutionelle Faunazide als Gräueltaten bezeichnen dürfen. Im deutschsprachigen Raum hatte er mit solcher Thematik kaum eine Chancen, weil bei dem Thema allseitig und in der Regel viel zu wenig differenziert wird, unserer Beobachtung nach.
Helmut F. Kaplan war auch bereit, innerhalb des eigenen theoretischen Umfelds Widerspruch zu formulieren und Positionen kritisch zu hinterfragen, die längst zu selbstverständlichen Bezugspunkten des tierrechtlichen Denkens geworden sind, so wie das Downgrading von Tierrechten zurück zu lediglich tierschützerischen bzw. reformierenden Zielen oder die Rekurse auf philosophische Konstrukte, die zwar geschichtlich gewichtig, aber für die Anwendung einer Tierrechtspraxis außerordentlich fragwürdig sind. Diese Unabhängigkeit des Denkens war nicht immer bequem, aber sie bleibt gleichermaßen wichtig.
Wer den Holocaustvergleich, wie Kaplan ihn an dieser Stelle hier z.B. vorbringt: https://en.wikiquote.org/wiki/Helmut_F._Kaplan grundlegend ablehnt, statt ihn genauer zu analysieren und die Auseinandersetzung erstmal zuzulassen, der sollte, statt grundwegs anzuschuldigen, vielleicht erklären, warum er diesen Vergleich seitens eines Tierrechtlers als menschenverachtend wertet und nicht eher als in der Zuordnung ungenauen Vergleich, und er müsste konsequenterweise auch die Aussage Jeremy Benthams ablehnen und sich am besten im Geiste zuletzt sogar mit Descartes gemeinsam irgendwo verschanzen:
“The day may come, when the rest of the animal creation may acquire those rights which never could have been withholden from them but by the hand of tyranny. The French have already discovered that the blackness of skin is no reason why a human being should be abandoned without redress to the caprice of a tormentor. It may come one day to be recognized, that the number of legs, the villosity of the skin, or the termination of the os sacrum, are reasons equally insufficient for abandoning a sensitive being to the same fate.” [1]
https://www.utilitarianism.com/jeremybentham.html [29.08.26]
Man darf sich in Vergleichen, Analogien all diesen unsäglich schwierigen Fragestellungen annähern, mit denen man es als Tierrechtler zu tun hat. Denn für einen Tierrechtler stellt sich ja gerade die Frage der ethischen Nähe und es besteht die Tendenz zur Ablehnung von seinshierarchischen radikalen Wertungen.
Die Stimme von Helmut F. Kaplan wird uns sehr fehlen. Seine Arbeiten, seine Ansätze und deren Wirkung bleiben.
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[1] Ein Argument, das wir wiederum versuchen inhaltlich als Grund zu weiterer Differenzierung über „Denken“ und „Fühlen“, etc. anzuführen, siehe > Equal Consideration for Animals (1) > https://tierrechtsethik.de/equal-consideration-for-animals-1/ [29.08.26]
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Oben im Header: Grabstein des Antivivisektionisten Martin Eduard Staudinger, https://simorgh.de/niceswine/wp-content/uploads/2013/08/martin_eduard_staudinger_german_anti-vivisectionist.pdf
