Eigene Zeichen vermitteln und die Zeichen des anderen lernen

 

Entwurf: 01.05.24.

Thema:

Als UK-Nutzer kommunikatorisch auch parallel zur Nutzung des Talkers (der mit den Bausteinen semantischer Verdichtung arbeitet) zusätzlich seine eigenen Sprach- und Kommunikationszeichen prägen und nutzen – auf allen kommunikativ möglichen und zur Verfügung stehenden Ebenen – und diese anderen kommunizieren, damit sie gelernt werden können vom Gesprächspartner. Eigenen Zeichen, die man nutzt, ernst nehmen und als wichtige Sprachbausteine verwenden.

Dieser Eintrag bedarf einleitender Worte:

In diesem Eintrag wählen wir nachfolgend die erste Person Singular. Aber zu beachten ist, dass dies in rein funktionaler Form geschieht. Dieses „Übersetzungs-Ich“, das wir nutzen, ist nicht das wirkliche Ich der Person und soll dadurch auch nicht repräsentiert werden.

Die Rede und der Ausdruck der Person ist hiermit lediglich über den Weg einer Übersetzung in schriftsprachlichen Worten abgebildet, es besteht aber ein Spielraum, der sich aus solch einer Übertragung logischerweise ergeben muss.

Wir haben uns für das funktionale lyrische „Ich“ an dieser Stelle entschieden, da die Schilderung eines gemeinsamen Dialogs, bei dem es vor allem um den Standpunkt der hier „übersetzten“ Person geht, sich in der dritter Person Singular sehr distanziert lesen würde, so fanden wir.

Wenn Lesende eine andere Form der Abbildung solch eines Dialogs für richtiger empfinden würden, können wir dies selbstverständlich verstehen und möchten dem nicht widersprechen. Es gibt tatsächlich auch unserer Meinung nach vermutlich keine ideale Lösung – auch deshalb nicht, weil Übereinkünfte und Austausch über gute Lösungswege in der Sprachassistenz, wenn diese mit Übersetzung arbeitet, bislang zu fehlen scheinen. Wir sind hier selber am Experimentieren.

Wir setzen aber zur Kenntlichmachung, dass es sich hier um ein funktionales lyrisches Ich, und nicht um ein authentisches Ich handelt, das ‚Ich‘ in einfache Anführungszeichen.

Ein Zeichen welches Du von ‚mir‘ lernen kannst

‚Ich‘ entwickle selbstverständlich auch eigene Sprach- und Wortzeichen. Mein total markantes Sprachzeichen, das ich für mich entwickelt habe, ist das in mich im Rolli im Becken anhebe und eine nach oben, aufwärts gerichtete Bewegung mache, wie ein vorrückendes Hochrücken meines Körpers aus der Beckenbewegung heraus.

Dadurch versuche ich den andern ein ganz deutliches Signal zu geben. Dieses Signal bewegt sich im Bereich des Bestätigenden: Es ist manchmal auch ein sehr komplex zu verstehendes Ja-Zeichen. Die Bewegung ist auch „deutlich ankündigend“ und „deutlich etwas indizierend“. Das Gegenüber weiß oder sollte wissen, dass ich gerade etwas akzentuiere. Oft meine ich es auch in bestätigender Art und Weise und hebe mich dann auch gleich zweimal.

Was ‚ich‘ mit dieser Schilderung auch zum Ausdruck bringen möchte, ist dass man: mimisch, gestisch und stimmlich, durch Bewegung und Gesamtausdruck auch ganz gezielt und bewusst kommunizieren kann.

[Eine Schwierigkeit, die uns auf der diskriminatorischen Ebene begegnet ist, dass wenn einmal die Überzeugung herrscht, dass man mit Menschen die zur Gruppe der UK-User zählen nicht „vernünftig“ kommunizieren könne, und schlimmer noch, dass diese Gruppe von Menschen mit Sprechbehinderung „kognitiv beeinträchtigt“ wären, dann hat der oder die betroffene Person kaum eine Chance mehr mit seinen/ihren kommunikativen Mitteln gegen dieses Vorurteilsdenken des Gegenübers anzugehen, da weder Bereitschaft noch Offenheit hier anzutreffen sind, Sprache in dieser sehr komplexen Weise zu rezipieren.

Das heißt: lehne ich alternative Sprach- und Kommunikationssysteme als gültig ab, besteht auch keine Chance für den anders Kommunizierenden durchzudringen zu demjenigen, der meint hier könne keine vernünftige Kommunikationsebene zustandekommen, wenn ein aktiver Teil des Kommunikationsgeschehens nicht in einer Sprache kommuniziert, die den oder dem anderen am dem Gespräch partizipierenden Teil als verständlich erscheint.

Folge solcher fehlinformierter Vorurteilshaltungen ist beobachtbarermaßen, dass über die Kommunikationsbemühungen des sprechbehinderten Partizipanten selbst – und dabei einschließlich über die Versuche die soziale Ebene der Kommunikation einzugehen – dann in Kombination mit der Aberkennung der Gültigkeit alternativer Sprachwege, noch Fehlurteile, Mutmaßungen und falsche Unterstellungen vom Gegenüber rückgeäußert oder angedeutet (…) werden können – auch zu Dritten, als Reaktion auf die nicht verstandenen oder nicht akzeptierten Bemühungen eines somit nicht verstandenen kommunikativen Austauschs. Gleichwohl gilt … ]

Man kann auch eigene Zeichen in der Kommunikation prägen und entwerfen, und andere können diese auch lernen.

Lerne ‚meine‘ Zeichen. Lass uns lernen, wie wir gemeinsam miteinander kommunizieren können und eine kommunikative Mitte unserer Ausdruckweisen und Sprachmittel finden.

Lerne die Techniken kennen, die ‚ich‘ nutze, und die Art, wie ich diese nutze.

Zeige ‚mir‘, ob Du ‚mich‘ richtig verstanden hast.

Achte auf ‚meine‘ Bestätigung, ‚meine‘ Art der Verneinung oder ‚meine‘ Zweifel.

Am Anfang solltest Du ‚meine‘ eigenen Zeichen für Ja und Nein lernen.

‚Ich‘ habe verschiedene Wege, wie ‚ich‘ Dir ‚meine‘ Zustimmung oder meine Verneinung mitteilen kann – bitte achte darauf. Aber wir können uns auch eingangs auf wirklich ganz einfache und eindeutige Wege einigen […].

Über einen längeren Zeitraum fände ‚ich‘ es aber erfreulich und hilfreich, wenn wir die statisch festgelegten gestischen Zeiten zum Teil, oder auch meine Zeichen über Hinweiskarten, ein Stück weit hinter uns lassen könnten, und wir über unseren Blickkontakt, über gegenseitige Beobachtung und mimische sowie auch stimmliche Ausdruckwege, in einen noch fließenderen und flexibler gestaltbaren Kommunikationsfluss erweiternd übergehen könnten, der viel lebendiger ist, der ‚mich‘ auch nicht so sehr im Ausdruck reduziert auf nur ein „ja“ und/oder ein „nein“ und der einfach viel nuancierter und auch der Besonderheit einer Situation angepasster sein dürfte.

Ein anderes Thema

Den Eintrag zum Thema > Persönliche Assistenz bei Wikipedia lesend, der sich besonders auf die

> Vorzüge des Arbeitgebermodells beschränkt, und die Kompetenzen benennt, die man besonders nutzen könne (oder eben auch benötige) zur Realisierung dieser als optimal geltenden Form der Umsetzung von Selbstbestimmung,

> wirft sich für uns ganz pragmatisch in dem Zusammenhang die Frage auf, wie selbstbestimmtes Leben auch mit Schwerst- und schwerer Mehrfachbehinderung gelingen kann.

Und auch die Frage danach > wie bei einer Inanspruchnahme von Assistenzleistungen über einen Träger, die Kooperation von Dienstleister, Mitarbeiter*innen, Assistenznehmenden und Assistenzgebenden, in möglichst flexibler Weise und auf tatsächlich gleicher Augenhöhe stattfinden könnte.

Woran hapert es, wenn dies nicht glückt und sich das Ruder eben nicht in der eigenen Hand befindet, weil man durch eine Schwerstbehinderung nicht in der Lage ist, d.h. nicht able-bodied genug ist, um die Organisation eines eigenen Assistenzteams mit dem Vorteil von viel mehr Eigenregie zu stemmen?

Die Leistungen Persönlicher Assistenz über einen Träger sollten an entsprechenden Stellschrauben nachjustierend, den Faktoren angeglichen werden, die sich beim Arbeitgebermodell als Vorteil erweisen.

Eine dritte Variante ist bekanntlich die Nutzung von Dienstleistungen, die sich in der Mitte beider Organisationsformen bewegen. Auch hier gilt, dass manchen Assistenznehmer das Risiko von Ausfällen in der Assistenz nicht tragen könnten oder bzw. dass die Requirierung von Assistenzgebern zu unzuverlässig zu realisieren sein könnte.

Im den Artikel auf Wikipedia zur Persönlichen Assistenz von Menschen mit Behinderung wird auf das Thema und einen Eintrag zu > bestehenden Rechten auf Kommunikationshilfen verwiesen.

In diesem Zusammenhang stellen wir uns die Frage, wie die wichtige Erkenntnis und der Umstand, dass Menschen Kommunikationshilfen [unterschiedlicher Art] zur Teilhabe und für ein barrierefreies Leben benötigen, sich niederschlägt, für die Gemeinschaft der Gruppe von Menschen, die Unterstützte Kommunikation nutzen, und, die zusätzlich auch oder komplementär Sprache als ein offenes System nutzen, deren Kommunikationswege aber zum einen nicht über ein einheitliches, anerkanntes System verfügen und deren Sprechen soweit nicht in linguistisch beschriebener Weise zusammengefasst wurde, soweit uns bekannt ist.

Wir verstehen „Sprechen“ hier nicht allein als den Akt, der unter able-bodied Gesichtspunkten als „Sprechen“ bezeichnet wird, sondern meinen vielmehr den aktiven, kreativen Akt des Kommunizierens auf jeder möglichen und gewählten Ebene.

Und nochmal, mit Nachdruck, in anderen Worten ausgedrückt:

Nachdem Du ‚meine‘ einfachen Zeichen gelernt hast, ja nein usw., ist es wichtig, dass „wir“ lernen wie Du ‚mich‘ flüssig verstehst, also meine Mimik und meine Gestik besser kennen lernst.

‚Ich‘ bin nicht immer auf ein einfaches „ja und ein einfaches „nein“ in der Kommunikation reduziert zu verstehen.

In dieser Beschreibung verwenden wir ein „Hilfs-Ich“, das allein instrumentell gemeint ist zur Vereinfachung dieser Schilderung.

Das Schlimmste ist, wenn einen Leute reduzieren wollen in der Kommunikation auf eine „Ja-“ und eine „Nein“-Karte und glauben mehr könntest du ihnen nicht sagen.

Das heißt, wenn sie ‚meine‘ Art zu kommunizieren überhaupt nicht ansatzweise anerkennen wollen, dann finden wir einfach auch keinen Weg.

Das Schlimme ist auch, dass Leute dann nicht merken, wie es eigentlich dazu kommt, dass sie ‚mich‘ nicht verstehen können, sondern sie denken – dieser Eindruck ergibt sich zumindest – es läge allein daran, dass ich ja „nicht so sprechen kann wie sie sprechen – genauso wie sie“.

Manche Menschen behaupten dann ‚ich‘ sei kognitiv in irgendeiner Form eingeschränkt. Kein Mensch sollte überhaupt als „kognitiv eingeschränkt“ bezeichnet werden, aber in ‚meinem‘ Fall ist es schlimm, dass ‚mir‘ eine Art der Rezeption in Abrede gestellt wird, ausschließlich weil ich in einer nicht anerkannten anderen Art und Weise kommuniziere und motorisch neuronal bedingt Sprechbehindert bin.

‚Meine‘ Barriere-Erfahrung wird, in Hinsicht auf Kommunikation, so wie sie sich im Spezifischen darstellt, bislang zu wenig wahrgenommen. Dadurch kommt es häufiger vor, dass Barriere-Erfahrungen, die ‚ich‘ mit dem Bereich: Sprechen und Kommunikation als soziales und interaktives Ereignis mache (und nicht bedingt von der Seite meiner sprachlichen Kapazitäten her betreffend meines Denkens und meiner Rezeption), sich in Erlebnissen von Diskriminierung abbilden und spiegeln. Über diese Art von Erfahrung möchten wir aufklären und darauf hinweisen, wie wir zusammen an solchen Problemen etwas ändern können.

[Nachsatz:

Dass eigene Umgangsweisen mit dem > sozialen Aspekt von Kommunikation gewählt werden, sollte auf die damit in Zusammenhang stehenden antidiskriminatorischen Fragestellungen hin thematisiert werden.]

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