Epistemische Unruhe statt Projektion

Epistemische Unruhe statt Projektion

Kommentar, zum Stand der Dinge

Der internationale tierphilosophische Diskurs ist gewiss nicht das Nonplusultra. Auch dort werden Begriffe stabilisiert, Raster etabliert, Annahmen reproduziert. Doch in Teilen dieses Diskurses ist zumindest ein Moment der Vorsicht erkennbar: das Bewusstsein, dass über tierliche Subjektivität, Sozialität und Erfahrungsweisen nicht souverän verfügt werden kann. Dass die eigenen Kategorien tastend bleiben. Dass jedes Sprechen über Tiere in menschlichen Denkformen verankert ist.

Dabei ist zwischen zwei Herangehensweisen zu unterscheiden, wenn von „sozialen Akteuren“ bei Tieren die Rede ist: Die eine erkennt Tiere als Handelnde an, erklärt dieses Handeln jedoch weiterhin innerhalb biologistischer Raster – Instinkt, Reiz-Reaktion, kognitive Anpassung. Auch hier bleibt Sozialität durch biologische Kategorien determiniert. Ein wirklich freies, relational offenes Verständnis tierlicher Sozialität hingegen bricht solche Raster nicht nur auf, sondern stellt die Begriffe selbst in Frage: Es nimmt Tiere nicht nur als Subjekte ernst, sondern als Subjekte, die unsere begrifflichen Voraussetzungen herausfordern und destabilisieren.

Diese Vorläufigkeit wird dort nicht als Schwäche verhandelt, sondern als methodische Voraussetzung.

Im deutschsprachigen Raum hingegen dominiert häufig eine auffällige epistemische Selbstgewissheit. Man agiert, als sei das Entscheidende bereits geklärt. Die theoretischen Instrumente gelten als ausreichend; sie müssen lediglich angewendet oder ausgeweitet werden. Was für Menschen entwickelt wurde, wird auf Tiere projiziert. Was als herrschaftskritisch gilt, wird übertragen. Die Theorie bleibt stabil – ihr Gegenstand wechselt.

Gerade darin liegt das Problem. Auch eine wohlmeinende Projektion bleibt Projektion. Sie setzt voraus, dass die begrifflichen Werkzeuge schon stimmen. Dass klar sei, was Subjektivität ist. Was Sozialität ist. Was Denken ist. Und wer oder was daran teilhaben kann.

Die Kritik am Biologismus ist notwendig. Wenn tierliche Existenz ausschließlich über Instinkt, Reiz-Reaktions-Schemata oder funktionale Anpassung beschrieben wird, wird sie entpolitisiert und objektiviert. Tiere erscheinen als „Naturkörper“ – ein Begriff, dessen abwertende Implikationen selbst noch zu analysieren wären – ohne eigene Perspektive. Doch diese Kritik verliert an Schärfe, sobald sie lediglich einen anderen fixierten Begriff an die Stelle biologischer Determination setzt. Der Rahmen bleibt derselbe: Es wird definiert, was Tiere sind.

Ähnlich verhält es sich mit einem verkürzten und verkürzenden Antikapitalismus, wenn er zum universellen Schlüssel von „Tierbefreiung“ erklärt wird. Die Analyse der Ware, der Verdinglichung, der Ausbeutungsstrukturen ist unverzichtbar. Tiere werden zu Ressourcen, zu Produktionsfaktoren, zu kalkulierbaren Einheiten. Doch es greift zu kurz, Tierverhältnisse ausschließlich als Effekt kapitalistischer Logik zu begreifen. Herrschaft verschwindet nicht automatisch mit der Ware.

Nicht selten wird implizit unterstellt, mit der Überwindung kapitalistischer Produktionsweisen entstehe quasi organisch ein solidarisches Beisammensein von Mensch und Tier – eine versöhnte Kollektivität, in der Unrecht gegenüber Tieren nicht mehr vorkommt. Diese Vorstellung bleibt sentimental, solange das epistemische Fundament unangetastet bleibt. Solange „Natur“ weiterhin als nicht-denkend, nicht-reflexiv, im Kern als bloß reagierend imaginiert wird, bleibt die Hierarchie bestehen – auch im vermeintlich antiherrschaftlichen Arrangement.

Hier liegt der eigentliche Angelpunkt. Nicht allein ökonomische Strukturen stabilisieren Dominanzverhältnisse gegenüber Tieren, sondern ein tief verankertes Dogma: dass Denken, Reflexivität und Bedeutungsproduktion genuin menschliche Eigenschaften seien, während Natur als „stumm“, mechanisch, passiv gilt. Dieses Dogma durchzieht selbst viele kritische Ansätze. Man bekämpft Ausbeutung, ohne die ontologische Hierarchisierung anzutasten.

Auch der Begriff der „Artgerechtigkeit“ – selbst wenn man versucht, ihn in der vagen Behauptung einer imaginierten Freiheit aufzulösen – offenbart diese Ambivalenz. Er klingt fürsorglich und progressiv, operiert jedoch innerhalb eines Verwaltungsrahmens. Bedürfnisse werden normiert, Lebensbedingungen standardisiert, es wird definiert, was für eine Art „angemessen“ sei. Verfügung wird nicht grundsätzlich infrage gestellt, sondern optimiert. Die Kategorien bleiben starr; eine responsive Vernunft auf gleicher Augenhöhe mit Tieren kommt nicht in den Blick.

So schließt sich der Kreis zur epistemischen Selbstgewissheit. Wenn davon ausgegangen wird, bereits zu wissen, „was“ Tiere sind, was sie bräuchten, wie sie generell „funktionieren“, wird jede Begegnung zur Anwendungstechnik. Vereinfachende Schemata werden über komplexe Lebensformen und Lebenssituationen gelegt und als akademische Präzision ausgegeben.

Eine tatsächlich antiherrschaftliche Perspektive würde an einem anderen Punkt ansetzen: bei der Irritation der eigenen Begriffe. „Natur“, „Instinkt“, „Sozialität“, „Bewusstsein“ sind keine neutralen Beschreibungen, sondern historisch gewordene Konstruktionen. Solange diese Konstruktionen unangetastet bleiben, reproduziert sich Hierarchie selbst in kritischer Rhetorik.

Es geht dabei nicht um Relativismus. Es geht um die Anerkennung dessen, dass kanonisiertes Wissen und kolportierte Allgemeinplatzannahmen über Tiere nicht mit Faktizität verwechselt werden dürfen – und dass, sofern eine ethische Annäherung an die Mitwelt überhaupt stattfinden soll, dieses Wissen in den Fundamenten seiner Grundannahmen korrigiert werden muss. Teile des internationalen Diskurses zeigen substanzielle Ansätze bei solch einer Öffnung. Unsicherheiten werden reflektiert, Projektionen thematisiert, kategoriale Grenzen werden ernsthaft problematisiert, gerade oder auch wenn der Ausgang über Erkenntnisse offen bleibt.

Der entscheidende Schritt besteht womöglich nicht darin, Tiere vollständig in bestehende Konzepte zu integrieren. Sondern darin, die Konzepte selbst zu destabilisieren. Nicht nur Kapitalismus, nicht nur Biologismus, nicht nur speziesistische Moralordnungen stehen zur Disposition – sondern die stillschweigende Gewissheit, zu wissen, „was“ Natur, was Mitwelt ist.

Antiherrschaft beginnt nicht bei institutionellen Reformen. Sie beginnt dort, wo Denkformen ihre Selbstverständlichkeit verlieren. Erst in dieser Irritation wird eine andere Form des Zusammenlebens überhaupt denkbar – nicht als romantische Versöhnungsfantasie, sondern als offener Prozess, dessen Bedingungen wir noch nicht einmal vollständig verstehen.

Notiz:
„Natur“, „Mitwelt“, „ontologische Hierarchisierung“ – alles Baustellen. Keine Lehrsätze, keine Zertifikate. Hier darf gedacht, gewühlt, irritiert werden. Wer ernsthaft über Tiere nachdenkt, braucht keine Expert:innen. Hinterfrage, probiere, stolpere. Die Revolution beginnt nicht auf Konferenzen … .

 

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