Grundlagen > Speziesismus und Kunst

Thesen zur Kritik an speziesistischen Kunstkontinuen … 

Ein Mapping ästhetischer Mechanismen in der Normalisierung von Speziesismus … 

Gewalt in der Kunst und Tierobjektifizierung > Speziesismus als Mittel von Ästhetisierung und Kunstschaffung … 


Animalistic Issue

Grundlagen > Speziesismus und Kunst. [Fassung vom 04.02.26]

Thesen zur Kritik an speziesistischen Kunstkontinuen

  1. Speziesismus ist ein gesellschaftliches Grundverhältnis, kein Randproblem

Speziesismus ist kein Missverständnis, keine Unachtsamkeit und kein bloßes Vorurteil, sondern ein strukturelles Gewaltverhältnis, das bestimmt, wessen Leben als moralisch relevant gilt und wessen Körper als verfügbar erscheinen.

  1. Künstlerische Kontinuen, im DACH insbesondere von Nitsch bis zu seinen Ablegern, beruht auf dieser Verfügbarkeit

Ein Kontinuum, die in prominenter Weise im DACH das von H. Nitsch, seinen Schülern und heutigen Anknüpfungspunkten setzt die gesellschaftlich akzeptierte Gewalt gegen nichtmenschliche Tiere (derer es bedarf) voraus. Nicht als Thema, sondern als ontologische Grundlage.

  1. Tierliche Körper erscheinen hier nicht als Unrechtsträger, sondern als Selbstverständlichkeit

Die Gewalt gegen Tiere wird nicht als moralisches Unrecht adressiert, sondern als kulturell verwertbare Gegebenheit behandelt. Dass sie ästhetisch, symbolisch oder rituell „bedeutungsvoll“ gemacht wird, ändert nichts an ihrem Charakter als Gewalt.

  1. Die Frage ist nicht, ob Gewalt „(auch) kritisch gemeint“ ist

Die entscheidende Frage lautet nicht, ob Gewalt intendiert, reflektiert oder kontextualisiert wird, sondern: Warum gilt Gewalt gegen Tiere überhaupt als bedeutungsoffenes Material? Diese Frage würde sich bei Gewalt gegen Menschen nicht stellen. Dass sie hier gestellt werden kann, ist selbst Ausdruck einer speziesistischen Denkweise.

  1. Kunst fungiert hier als Veredelungsmechanismus gesellschaftlicher Gewalt

In diesen Kontexten wird Kunst nicht zum Ort der Infragestellung, sondern zur ästhetischen Veredelung eines bereits normalisierten Gewaltverhältnisses. Sie macht akzeptabel, was andernorts alltäglich geschieht: die Reduktion lebendiger Wesen auf verfügbare Körper.

  1. Solchen Orten ist nicht zu helfen, weil ihr Fundament nicht kritisch, sondern affirmativ ist

Diese Orte können nicht „umgedeutet“, „kritisch bespielt“ oder „von innen transformiert“ werden, weil sie nur funktionieren, solange die Verfügbarkeit tierlicher Körper gesellschaftlich anerkannt ist. Ihr Bestehen ist abhängig von genau dem, was sie angeblich überschreiten. (…)

  1. Die gesellschaftliche Normalisierung ist ihre eigentliche Lebensgrundlage

Diese Kunstorte leben nicht von Provokation, sondern von Gewöhnung. Von einer Welt, in der Tierkörper alltäglich zu Nahrung, Ware, Forschungsobjekt oder Symbol gemacht werden – ohne dass dies als Unrecht gilt.

  1. Die sakrosankte Kunst schützt den Speziesismus

Die Vorstellung, Kunst stehe jenseits ethischer Bewertung, wirkt hier als Immunisierungsstrategie. Sie erlaubt es, Gewalt zu ästhetisieren, ohne sie moralisch verantworten zu müssen.

  1. Individuelle vegane oder tierfreundliche Haltungen ändern daran nichts

Dass einzelne Besucher:innen oder Beteiligte sich als vegan oder tierethisch verstehen, unterbricht die Struktur nicht. Solange die Grundannahme der legitimen Tierverfügbarkeit nicht angegriffen wird, stabilisiert Teilnahme das System.

  1. Antispeziesistische Kritik verweigert die ästhetische Ausnahme

Wie in unseren Kommentaren im Animalistic Issue [https://www.farangis.de/blog/category/animalistic-issue , 04.02.26] formuliert, geht es nicht um Geschmacksfragen oder Symboldebatten, sondern um eine radikale Verschiebung des moralischen Horizonts: Nichtmenschliche Tiere sind keine Träger von Bedeutungen, sondern Träger von Leben, Interessen und Verletzbarkeit.

In einer speziesistischen Welt ist es erschreckend einfach, Speziesismus zu normalisieren – besonders dort, wo er als Kunst erscheint. Was als ästhetische Grenzerfahrung gilt, ist in Wahrheit die kulturelle Fortsetzung eines Gewaltverhältnisses, das immer wieder aufs neue fudamentalisert werden soll, hier als Ritus und Alltäglichkeit.

Die ästhetische Normalisierung von Tierkörpern in Kunst, Sprache, Wissenschaft und Kultur dient keiner kritischen Reflexion – das wäre ein Widerspruch in sich außer man würde versuchen Gewalt als solche normativ zu „ethisieren“ und damit ideologisch zu legalisieren – sondern reproduziert und verstärkt in logischer und gewollter Konsequenz das speziesistische Gewaltverhältnis, weil systemgegebene Verfügbarkeit tierlicher Subjekte als selbstverständliche Voraussetzung begriffen wird.

Ein Mapping ästhetischer Mechanismen in der Normalisierung von Speziesismus

Kritik der visuellen Veredelung tierobjektifizierender Praktiken in Kunst, Kunstmarkt und Gesellschaft

  1. Grundannahme

Speziesistische Szenen benötigen keine Rechtfertigung mehr.
Sie benötigen ästhetische Infrastruktur.

Diese Infrastruktur sorgt dafür, dass:

  • Gewalt nicht als Gewalt erscheint
  • Objektifizierung nicht als Objektifizierung benannt wird
  • Kritik entweder integriert oder unsichtbar gemacht wird

Das Ergebnis ist kein Streit, sondern Normalität.

  1. Die häufigsten ästhetischen Mechanismen
  2. Ästhetische Veredelung

Mechanismus:
Tierkörper, tierliche Überreste oder tierbezogene Gewalt werden durch Kunstformen (Installation, Fotografie, Performance, Design) in einen Bedeutungsraum überführt, in dem ästhetischer Wert die ethische Frage überlagert.

Wirkung:

  • Gewalt erscheint kultiviert
  • Verfügbarkeit erscheint legitim
  • Kritik gilt als „geschmacklich“, nicht als ethisch

Normalisierungseffekt:
Was schön gerahmt ist, gilt nicht als problematisch.

  1. Symbolische Abstraktion

Mechanismus:
Tierlichkeit wird zur Metapher, zum Zeichen, zum „Material für etwas anderes“ (Tod, Natur, Vergänglichkeit, Ritual, Ursprünglichkeit).

Wirkung:

  • Das konkrete Tier verschwindet
  • Leid wird semantisch ausgelagert
  • Das Individuum wird ausgelöscht

Normalisierungseffekt:
Gewalt gilt nicht mehr dem Tier, sondern einer „Idee“.

  1. Ontologische Entleerung

Mechanismus:
Nichtmenschliche Tiere erscheinen nicht als Subjekte mit Interessen, sondern als:

  • Körper
  • Formen
  • Stoffe
  • Relikte
  • Daten

Wirkung:

  • Kein moralischer Adressat bleibt übrig
  • Es gibt niemanden, dem Unrecht geschieht

Normalisierungseffekt:
Was kein Subjekt ist, kann nicht verletzt werden.

  1. Ironisierung und Distanzästhetik

Mechanismus:
Tierobjektifizierung wird ironisch, spielerisch, absurd oder „gebrochen“ dargestellt.

Wirkung:

  • Kritik wird entschärft
  • Verantwortung wird verweigert
  • Ernst gilt als naiv

Normalisierungseffekt:
Wer ernsthaft widerspricht, gilt als humorlos oder dogmatisch.

  1. Ritualisierung und Naturalisierung

Mechanismus:
Gewalt wird als archaisch, rituell, naturhaft oder kulturell notwendig inszeniert.

Wirkung:

  • Geschichte ersetzt Ethik
  • „Schon immer so“ ersetzt Verantwortung

Normalisierungseffekt:
Was natürlich oder uralt wirkt, erscheint unhintergehbar.

  1. Wissenschaftlich-ästhetische Hybridisierung

Mechanismus:
Kunst beruft sich auf Wissenschaft, Forschung, Biologie, Archivierung (z. B. Artscience, Taxidermie, Bio-Art).

Wirkung:

  • Objektifizierung erscheint sachlich
  • Gewalt erscheint neutral
  • Kritik gilt als anti-rational

Normalisierungseffekt:
Was wissenschaftlich wirkt, gilt nicht als ideologisch.

  1. Marktförmige Entpolitisierung

Mechanismus:
Tierobjektifizierende Kunst wird:

  • gesammelt
  • kuratiert
  • gehandelt
  • gebrandet

Wirkung:

  • Kritik stört den Markt
  • Ethik gilt als Externalität

Normalisierungseffekt:
Was verkauft wird, gilt als legitim.

III. Mechanismen auf Seiten der „Gegenseite“

  1. Mit-Normalisierung durch Relativierung

Mechanismus:
Kritische Stimmen argumentieren:

  • „Man muss differenzieren“
  • „Kunst ist ambivalent“
  • „Es geht um Interpretation“

Wirkung:

  • Gewalt wird zur Meinung
  • Unrecht zur Perspektive

Normalisierungseffekt:
Es gibt keinen Standpunkt mehr, nur noch Diskurse.

  1. Integration statt Konfrontation

Mechanismus:
Antispeziesistische Kritik wird eingeladen, aber:

  • nicht zentriert
  • nicht ernst genommen
  • nicht folgenreich

Wirkung:

  • Kritik dient der Selbstlegitimation des Systems

Normalisierungseffekt:
Das System erscheint offen, bleibt aber unverändert.

  1. Unsichtbarmachung radikaler Kritik

Mechanismus:
Positionen, die Tierobjektifizierung grundsätzlich ablehnen, werden:

  • nicht eingeladen
  • nicht zitiert
  • nicht diskutiert

Wirkung:

  • Der Konflikt erscheint kleiner, als er ist

Normalisierungseffekt:
Was nicht sichtbar ist, gilt als nicht existent.

  1. Das strukturelle Kernproblem

Es gibt keine anerkannten Räume für diese Kritik

  • Kein etablierter Kunstkontext erlaubt:
    • die Zurückweisung tierobjektifizierender Kunst als legitimen Standpunkt
  • Kritik darf analysieren, aber nicht verweigern
  • Ablehnung gilt als anti-künstlerisch, nicht als ethisch begründet

Der öffentliche Diskurs bildet das Problem nicht real ab.

  1. Zusammenfassung

Speziesistische Szenen normalisieren sich nicht trotz Kritik,
sondern durch ästhetische Mechanismen, die Gewalt unsichtbar machen,
Verantwortung diffundieren lassen und radikale Gegenpositionen strukturell ausschließen.

  1. Schlusssatz

Die visuelle Veredelung tierobjektifizierender Praktiken ist keine Begleiterscheinung des Speziesismus, sondern seine kulturelle Wiege.
Solange es keine Räume gibt, die die grundsätzliche Ablehnung solcher Kunst als legitimen Standpunkt anerkennen, bleibt Speziesismus ästhetisch abgesichert – und gesellschaftlich unangetastet.


Gewalt in der Kunst und Tierobjektifizierung

Speziesismus als Mittel von Ästhetisierung und Kunstschaffung

Speziesismus ist kein Randphänomen kultureller Fehlentwicklungen, sondern ein grundlegendes gesellschaftliches Gewaltverhältnis. Er strukturiert, wessen Leben als moralisch relevant gilt und wessen Körper als verfügbar, nutzbar oder bedeutungstragend erscheinen darf. Diese Unterscheidung wirkt tief in soziale Praktiken hinein – in Ökonomie, Wissenschaft, Alltagskultur und in besonderer Weise in die Kunst. Dort wird Speziesismus nicht nur reflektiert, sondern häufig ästhetisch stabilisiert.

Der hier entwickelte Ansatz versteht speziesistische Kunst nicht als Abweichung oder Provokation, sondern als Teil eines kulturellen Kontinuums. Dieses Kontinuum, das paradigmatisch im DACH sichtbar wird bei der Nitsch-Szene, ihren gegenwärtigen Ablegern und Anschlussformen, verweigert die kritische Auseinandersetzung und Thematisierung von Gewalt, und verharrt auf ihrer unhinterfragten Voraussetzung tierlicher Verfügbarkeit.

Nichtmenschliche Tiere erscheinen dabei nicht als moralische Subjekte oder Unrechtsträger, sondern als selbstverständliche Ressource künstlerischer Bedeutungsproduktion.

Entscheidend ist dabei nicht die Frage nach der Intention einzelner Künstler:innen. Ob Gewalt „kritisch gemeint“, symbolisch aufgeladen oder ironisch gebrochen ist, bleibt sekundär. Die eigentliche Frage lautet: Warum gilt Gewalt gegen Tiere überhaupt als bedeutungsoffenes Material?

Warum wird sie als ästhetisch bearbeitbar verstanden, während Gewalt gegen Menschen diese Offenheit nicht besitzt? Dass diese Frage im Kunstkontext gestellt werden kann, ist selbst bereits Ausdruck eines speziesistischen Grundverhältnisses.

In solchen Szenen fungiert Kunst nicht als Ort der Infragestellung gesellschaftlicher Gewalt, sondern als deren Veredelungsmechanismus. Sie verschiebt das Problem von der Ebene ethischer Verantwortlichkeit auf die Ebene ästhetischer Bewertung.

Tierliche Körper, Überreste oder physisch- und typischerweise auf die mentale, geistige Ebene abzielende diskriminatorische bis vollends destruktive Praktiken werden in symbolische, rituelle oder kulturelle Bedeutungsräume überführt, in denen die Gewalt selbst „unsichtbar“ wird, indem die ins Nichtmenschliche verbannt oder gebannt wird.

Was ästhetisch gerahmt ist, gilt nicht mehr als problematisch, sondern als komplex, ambivalent oder diskursiv offen. Zentral für diese Normalisierung sind wiederkehrende ästhetische Mechanismen. Symbolische Abstraktion verwandelt konkrete Tiere in Metaphern für Tod/Geburt, Natur/Anti-Natur oder Vergänglichkeit/Ewigkeit und löscht damit das individuelle Fühlen und Erleben aus.

Ontologische Entleerung reduziert Tiere auf Körper, Stoffe oder Relikte, sodass kein moralischer Adressat mehr verbleibt. Ironisierung und Distanzästhetik entziehen der Kritik ihre Dringlichkeit, indem Ernst als naiv oder dogmatisch markiert wird. Ritualisierung und Naturalisierung verlagern Verantwortung in vermeintliche, sicher hierarchisierende Geschichte, Kultur oder gemutmaßte Ursprünglichkeit.

Wissenschaftlich-ästhetische Hybridformen verleihen Objektifizierung den Anschein von Neutralität und Rationalität. Marktförmige Einbettung schließlich entpolitisiert die Praxis vollständig, indem Verkaufbarkeit und Makrtwert als Legitimation fungiert.

Diese Mechanismen wirken nicht isoliert, sondern bilden eine ästhetische Infrastruktur, die speziesistische Praktiken stabilisiert. Sie sorgt dafür, dass Gewalt nicht als Gewalt-/problem erscheint, Objektifizierung nicht benannt wird und Kritik entweder integriert wird oder unsichtbar gemacht bleibt.

Auffällig ist dabei, dass die Normalisierung nicht trotz Kritik funktioniert, sondern häufig durch sie. Relativierende Argumente – etwa der Verweis auf Ambivalenz, Differenzierung oder Interpretationsoffenheit – verwandeln Unrecht in bloße Perspektivfragen. Eingeladene Kritik dient typischerweise der Selbstlegitimation des Systems, ohne dass man strukturelle Konsequenzen zu befürchten meint.

Radikale antispeziesistische Positionen hingegen bleiben ausblendbar, da sie die grundlegende Verfügbarkeit tierlicher Körper infrage stellen, die die Norm unserer Gesellschaften abbilden. Auf eine Abstraktion der Infragestellung der gesellschaftlichen Norm von Tierobjektifizierung lässt sich speziesistischen Kunst niemals ein.

Das strukturelle Kernproblem für Tierrechtler und Antispeziesisten liegt darin, dass es kaum anerkannte Räume gibt, außerhalb der eigenen Bewegung, in denen die grundsätzliche Ablehnung tierobjektifizierender Kunst als legitimer Standpunkt gilt. Kritik darf analysieren, historisieren oder interpretieren – verweigern darf sie nicht. Ablehnung wird als anti-künstlerisch diskreditiert, nicht als ethisch begründet anerkannt. Der öffentliche Diskurs bildet das Problem daher nicht real ab, sondern verzerrt es zugunsten ästhetischer Selbstimmunisierung.

Antispeziesistische Kritik verweigert diese ästhetische Ausnahme. Sie insistiert darauf, dass nichtmenschliche Tiere keine Träger von Bedeutungen sind, sondern Träger von Leben, Interessen und Verletzbarkeit.

In einer speziesistischen Welt ist es erschreckend einfach, Speziesismus zu normalisieren – insbesondere dort, wo er als Kunst erscheint. Was als ästhetische Grenzerfahrung gilt, erweist sich bei näherer Betrachtung als kulturelle Fortsetzung eines Gewaltverhältnisses, das immer wieder neu fundamentalisiert wird: als Ritual, als Symbol, als Alltag.

Die visuelle und kulturelle Veredelung tierobjektifizierender Praktiken ist daher keine Begleiterscheinung des Speziesismus, sondern seine kulturelle Wiege. Solange keine Räume existieren, die die grundsätzliche Ablehnung solcher Praktiken als legitimen Standpunkt anerkennen, bleibt Speziesismus ästhetisch abgesichert – und gesellschaftlich unangetastet.

 

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