Tierrechte und Punk > Nichtherrschaft: Weltverwaltung als Illusion

Tierrechte und Punk > Nichtherrschaft: Weltverwaltung als Illusion

Über menschlichen Übergriff, negierte Freiheitsfähigkeit und eine anarchistische oder antiherrschaftliche Notwendigkeit eines Bruchs jenseits politischer Lager

Die Entrechtung der Tiere beginnt nicht erst dort, wo sie unter den Folgen menschlicher faunazidaler Handlungen leiden. Sie beginnt nicht bei erst bei der physischen durch Menschen normalisierten Folter, die wir als „Ausbeutung“ bezeichnen, nicht bei Gewalt, nicht bei Vernichtung. Sie beginnt bereits viel früher, vorsymptomatisch mit dem Übergriff des Menschen auf die Welt.

Dieser Übergriff ist kein einzelner historischer Fehler, sondern eine zivilisatorische Grundoperation: die Annahme, dass die Welt verfügbar ist, dass ihr Sinn vom Menschen definiert werden kann und dass Freiheit primär – oder ausschließlich – eine menschliche Eigenschaft sei.

Tiere erscheinen in diesem Zugriff nicht als eigenständige Existenzen, sondern als Bestandteile einer vom Menschen beanspruchten Ordnung. Eben dies ist die ursprüngliche Entrechtung.

  1. Der Übergriff als ontologische Voraussetzung

Der Mensch hat sich nicht einfach in der Welt verortet. Er hat sich über sie gestellt. Ontologisch wird die Welt zum Objekt. Politisch wird der Mensch zum Souverän. Philosophisch wird Sinn zu etwas, das vom Menschen ausgeht. Normativ wird Freiheit zum menschlichen Monopol.

Tiere werden in diesem Akt nicht explizit negiert – sie werden entweltlicht. Ihre Eigenständigkeit wird nicht bestritten, sondern gar nicht erst anerkannt. Sie erscheinen als Ressourcen, als Störungen, als Funktionen oder später als moralische Problemfälle. Jede weitere Gewalt setzt diesen ersten Zugriff bereits voraus.

So wird kleinschrittig über die Kulturgeschichte hinweg eine Negation betrieben: Tiere werden zunächst aus sozialen, kulturellen und weltlichen Kontexten herausgelöst (Entsozialisierung), anschließend auf biologische, symbolische oder funktionale Kategorien reduziert (Biologisierung/Objektifizierung). Diese Prozesse verfestigen die Vorstellung, dass Tiere außerhalb der menschlich definierten Welt stehen, und machen ihre Entrechtung zu etwas Normalisiertem und Unsichtbarem.

  1. Warum der liberale Tierrechtsdiskurs zu spät ansetzt

Der liberale Tierrechtsdiskurs gilt als Fortschritt, weil er Tiere schützt, Leid anerkennt und Rechte formuliert. Doch er setzt nach dem Übergriff an.

Er fragt:

  • Wie darf der Mensch mit Tieren umgehen?
  • Wie lässt sich Gewalt begrenzen?
  • Wie kann Nutzung moralisch reguliert werden?

Er fragt nicht:

  • Warum glaubt der Mensch, Zugriff auf Tiere als sich unterscheidende Freiheitsfähige zu haben?
  • Warum gilt menschliche Sinnsetzung als maßgeblich?

Damit bleibt das problemverursachende Weltbild unangetastet. Der Zugriff wird nicht infrage gestellt – nur scheinzivilisiert.

  1. Rechte ohne Freiheitsanerkennung sind Verwaltung

In liberalen Ansätzen erhalten Tiere Rechte, weil Menschen sie ihnen zusprechen, ohne ein Bewusstsein für die eigene ursächliche Grenzübertetung. Diese Rechte sind bedingte Schutzrechte, Fürsorgerechte, Abwehrrechte gegen einige Formen der Instrumentalisierung. Doch ein philosophisch ernstzunehmender Rechtsbegriff kann nicht aus Fürsorge entstehen. Er entsteht aus einer Basis von Anerkennung der vom eigenen Paradigma unabhängigen Freiheitsfähigkeit.

Freiheitsfähigkeit meint hier nicht Autonomie im humanistischen oder kantischen Sinn, nicht Selbstherrschaft, nicht rationale Selbstgesetzgebung. Sie meint Eigenursächlichkeit, Selbstbezüglichkeit und die Existenz eines Weltbezugs, der sich menschlicher Verfügung entzieht.

Tiere sind freiheitsfähig, weil sie:

  • eigene Handlungslogiken besitzen,
  • eigene soziale Ordnungen ausbilden,
  • in Beziehungen, Konflikten und Abhängigkeiten handeln,
  • nicht durch menschliche Herrschaftsbegriffe eingrenzbar sind.

Diese Freiheitsfähigkeit ist ursächlich. Sie existiert vor jeder menschlichen Zuschreibung. Rechte, die diese Freiheit nicht anerkennen, sondern nur Leiden regulieren, sind keine Anerkennung – sie sind existenzialrechtliche Verwaltung.

  1. Die notwendige Verschiebung des Weltbegriffs

Die Anerkennung tierlicher Freiheitsfähigkeit verlangt eine Verschiebung des gesamten Weltbegriffs – und damit auch der Eigendefinition von Mensch, Tier und Sinn. Welt ist kein neutraler Raum, der erst durch menschliche Deutung Bedeutung erhält. Ihr Sinn ist uns nicht verfügbar. Er ist uns nicht habhaft zu machen. Der Mensch steht dem Sinn der Welt nicht vor, sondern unter ihm.

Freiheit bedeutet in diesem Zusammenhang nicht, Sinn zu setzen, sondern nicht aus einer einzigen Sinnordnung ableitbar zu sein. Tiere stehen in einer Welt, deren Bedeutung sich menschlicher Totalisierung entzieht. Ihre Autonomie besteht gerade darin, dass ihr Weltbezug nicht in irgendwelchen vorherrschenden menschlichen Kategorien aufgeht.

Die angemessene Haltung des Menschen ist daher nicht Kontrolle, nicht Fürsorge, nicht Verwaltung – sondern Loyalität und Freundschaft gegenüber einer Welt, deren Sinn uns übersteigt.

  1. Speziesismus im freundlichen Gewand

Der liberale Diskurs grenzt sich vom offenen Speziesismus ab, reproduziert jedoch dessen Struktur:

  • Der Mensch bleibt normsetzendes Zentrum.
  • Tiere bleiben normativ passiv.
  • Freiheit bleibt anthropologisch priorisiert.

Das Tier wird nicht mehr verachtet, sondern unter Vorbehalt beschützt. Nicht mehr missachtet, sondern unter Vorbehalt betreut. Das ist kein Bruch mit Speziesismus, sondern ein strukturell paternalistisches Update.

  1. Die Reduktion der Tierlichkeit – Pro-Tier und Anti-Tier

Tierfeindliche wie tierfreundliche Weltbilder teilen eine Grundannahme:
Tierlichkeit wird außerhalb der eigentlichen Welt lokalisiert.

Entweder als:

  • Ressource,
  • Störfaktor,
  • oder moralischer Appendix und Sonderfall.

Was fehlt, ist die Anerkennung von Tierlichkeit als soziale Realität, als gleichursprünglicher Bestandteil weltlicher Sinnzusammenhänge. So wird auch der Pro-Tier-Diskurs zur Variante desselben reduktiven Weltbildes, das Tierfeindschaft hervorbringt. Das Weltbild bleibt identisch – nur der Ton und die Absicht ändern sich.

  1. Die Links-Rechts-Dialektik als Freiheitsentzug

In dieser Perspektive zeigt sich auch, warum die klassische Links-Rechts-Dialektik an ihre Grenze kommt. Beide Lager – bei allen Gegensätzen – bewegen sich innerhalb desselben Grundrahmens:

  • Welt als verfügbar,
  • Sinn als menschlich definierbar,
  • Freiheit als hierarchisch zuordenbar.

Die Rechte legitimiert den Entzug von Freiheitsfähigkeit offen – durch Ordnung, Naturalisierung, Besitzansprüche. Die Linke problematisiert ihn moralisch – durch Schutz, Fürsorge, Verwaltung. Beide Seiten teilen die Voraussetzung, dass Freiheitsfähigkeit entzogen, begrenzt oder zugeteilt werden kann. Die Dialektik kreist somit um die Verwaltung eines Entzugs, nicht um dessen Aufhebung.

Solange politische Lager priorisiert werden statt Weltbezug, lässt man ihnen den Raum philosophisch beengende Weltbilder zu verordnen: starre Sinnordnungen, in denen Freiheit entweder monopolisiert oder reguliert, aber nie grundlegend geteilt wird.

  1. Warum ein Bruch notwendig ist

Ein Bruch ist unvermeidlich. Nicht ein Bruch jedweder einzelnen Position, da wo sie moralisch verträglich ist, sondern mit der Annahme, dass politische Lager die letzte Instanz der Sinnklärung sein könnten in Fragen der Mitweltethik.

Unsere Frage lautet also

Nicht: Wie positionieren wir uns links oder rechts zu Tieren?
Sondern: Warum beanspruchen Menschen überhaupt das Recht, Freiheitsfähigkeit zu entziehen?

Rechte können nur dort sinnvoll begründet werden, wo der ursprüngliche Übergriff nicht vorausgesetzt, sondern radikal problematisiert wird.

  1. Jenseits der freundlichen Verwaltung

Was gebraucht wird, ist kein besserer Schutz und keine feinere Moral, sondern ein anderes Denken:

  • Freiheit nicht als menschliches Eigentum,
  • Welt nicht als menschliches Projekt,
  • Rechte nicht als nachträgliche Korrektur.

Solange das Weltbild gleich bleibt, bleibt auch die Gewalt – höflicher, juristischer, philosophischer, aber nicht aufgehoben. Die Alternative lautet nicht:
Freundlichkeit statt Gewalt. Sondern: Anerkennung statt Zugriff. Erst dort beginnt etwas, das diesen Namen verdient.

 

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