Syl Ko: Warum sollten wir unseren Blick auf Tiere richten (wenn Menschen nicht mal einander anschauen wollen)?

Jahrgang 12, Nr. 1, ISSN 2363-6513, April 2026

Syl Ko: Warum sollten wir unseren Blick auf Tiere richten (wenn Menschen nicht mal einander anschauen wollen)?

Schlagworte: Soziologie, Tiersoziologie, Tierrechte, Menschenrechte, speziesübergreifende-/Interspezies-Ethik, Gesellschaftstheorie, Tierrechtsphilosophie

Unser neuer Header stammt von C. 勒 / Pegi Freespeech.
Original siehe > C. 勒 und Tschördy zur Anregung für Mitstreiter*innen in >
Antispeziesismus und Kunst: zu Demarkationslinien, S. 21
E-Reader: Gruppe Messel, Jahrgang 6, Nr. 3, 2024
ISSN 2700-6905
Edition Farangis
https://d-nb.info/1323615423
https://d-nb.info/1323615423/34

Syl Ko: Warum sollten wir unseren Blick auf Tiere richten (wenn Menschen nicht mal einander anschauen wollen)?

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Transkript des Vortrags: ‘Why look at animals (when humans do not want to look at each other)?’ von Syl Ko, gehalten im Rahmen der Veranstaltung
(AGAINST) ANIMAL CAPITALISM
Two-day symposium on animals in society
Saturday 28 & Sunday 29 March 2026
Screening Room | Mezzanine
https://www.emst.gr/en/events-en/against-animal-capitalism#about [gesichtet am 19.04.2026]
https://www.emst.gr/web3/wp-content/uploads/2026/03/AGAINST-ANIMAL-CAPITALISM-ENG.pdf [gesichtet am 19.04.2026]

Übersetzung ins Deutsche: Gita Marta Yegane Arani, mit der freundlichen Genehmigung von Syl Ko. (Um die Genauigkeit der Übersetzung zu gewährleisten, habe ich mich entschlossen, einige meiner übersetzerischen Anmerkungen in eckigen Klammern beizubehalten. Aus Gründen der Lesbarkeit werden die A.d.Ü.-Hinweise ausschließlich in der Form ausgewiesen.)

Korrigierte Fassung: 24.04.2026
Die vorliegende Fassung berücksichtigt eine von der Autorin im Original vorgenommene Korrektur im ersten Absatz.

Die Präsentation von Syl Ko (auf Englisch) ist online verfügbar unter:
https://www.youtube.com/watch?v=8bAZSiRrOaU
sowie auf https://archive.org/
[abgerufen am 23. April 2026]

Bildnachweise: Mooni Perry (Folien 7 und 10), Wikimedia Commons, Stockbilder

Warum sollten wir unseren Blick auf Tiere richten (wenn Menschen nicht mal einander anschauen wollen)?

Verfügen wir über eine moralische Legitimierung, andere Tiere zu unserem Vorteil jedoch zu deren Nachteil zu nutzen, etwa indem wir sie essen oder zu wissenschaftlichen Versuchen gebrauchen? Diese Frage bildet nach wie vor eine Kontroverse. Der vorherrschende Ansatz zur Beantwortung dieser Frage konzentrierte sich insbesondere darauf, die Legitimität der strikten moralischen Trennung zwischen Menschen und allen anderen Tieren zu hinterfragen.

Diejenigen, die menschliche Praktiken kritisieren, die anderen Tieren Schaden zufügen, kommen häufig zu dem Schluss, dass es willkürlich und vorurteilsbehaftet ist, der bloßen Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens einen Wert beizumessen, und dass sich dies nicht von der Wertzuweisung an eine bestimmte „Rasse“, ein Geschlecht oder andere derartige Kategorien unterscheiden würde. Wir argumentieren jedoch, dass sich für diejenigen, die diese Praktiken kritisch sehen, eine zweite Frage zu stellen hätte, die der Klärung bedarf: Wie sollte man die moralische Frage bezüglich nichtmenschlicher Tiere stellen und beantworten angesichts der alarmierenden Rate, mit der Unrecht gegenüber Menschen [human injustice, menschliches Unrecht überhaupt] begangen wird?

Unser Bedenkenspunkt ist nicht einfach der strategischer Überlegungen. Diese zweite Frage stellt sich vielmehr wegen der grundlegenden Sorge darüber, dass die Allgegenwärtigkeit systematischen Unrechts gegenüber Menschen [systematic human injustice] eine ganz fundamentale moralische Geringschätzung menschlichen Lebens beinhaltet; eine Überlegung, die den Annahmen von Tierverteidigern [als alle Gruppen tierverteidigender Bewegungen umfassend] zuwiderläuft.

Wir gehen davon aus, dass wenn es Menschen systematisch der moralischen Visionskraft ermangelt, einander deutlich zu „sehen“, dass diese Art der Wahrnehmungskraft mit Sicherheit gleichermaßen versagen wird, wenn sie sich darauf ausrichtet, andere Lebewesen zu „betrachten“. Um die zweite Frage beantworten zu können, schlagen wir vor, die erste Frage – die moralische Frage nach den nichtmenschlichen Tieren – im Rahmen des Vorhabens einer Neubewertung des Menschseins neu zu formulieren.

[Folie 1]

Mein Name ist Syl Ko. Ich bin Autorin und unabhängige Forscherin. Im Kontext dieser Ausstellung würde ich mein Forschungsinteresse folgendermaßen zusammenfassen: „Warum sollten wir unseren Blick auf Tiere richten (wenn Menschen nicht mal einander anschauen wollen)?“

[Folie 2]

Seit einem Jahr arbeite ich gemeinsam mit der Autorin Lindgren Johnson, deren Buch Race Matters, Animal Matters 2017 veröffentlicht wurde, an einem Text. 2017 war auch das Jahr, in dem ich zusammen mit der Autorin Aph Ko das Buch „Aphro-ism“ verfasst habe, das sich ebenso wie Lindgrens Arbeit mit der [Art der] Verflechtung von „Rasse“ und Animalität/Tierlichkeit befasst. Lindgren und ich arbeiteten erstmals 2021 gemeinsam an einem Essay mit dem Titel „Re-Centering the Human“ [Eine Rezentrierung des Menschen]. Unser aktuelles Projekt ist eine Weiterentwicklung dieses Essays. Das Thema, das sich durch unsere Arbeit hindurchzieht, betrifft die Darstellung der moralischen Frage über nichtmenschliche Tiere.

[Folie 3]

Diese Frage befasst sich mit der Angemessenheit unserer Praktiken, Bräuche, Traditionen und Rituale, bei denen nichtmenschliche Tiere meist zu ihrem Nachteil eingesetzt werden, beispielsweise als Nahrungsmittel, für wissenschaftliche Zwecke, zur Unterhaltung, im Sport, als Haustiere usw.

In „Aphro-ism“ weisen Aph Ko und ich darauf hin, wie diese Frage üblicherweise angegangen wird, nämlich indem man sofort eine Umformulierung vollzieht zur Frage über die kategorische moralische Kluft, die zwischen Menschen und allen anderen Tieren bestünde.

Man geht davon aus, dass gerade durch das Ziehen dieser Grenze der benachteiligenden Behandlung von Tieren Vorschub geleistet wird. So wird die Debatte über die moralische Frage nach Tieren, im Hinblick auf die Angemessenheit unserer Praktiken im Umgang mit ihnen, von vornherein als Debatte darüber gefasst, ob diese kategoriale moralische Trennung überhaupt legitim ist.

[Folie 4]

Aus diesem Grund werden von beiden Seiten der Debatte riesige Mengen an empirischen Daten und wissenschaftlichen Forschungsergebnissen über Menschen und (vor allem) nichtmenschliche Tiere ins Feld geführt.

Diejenigen, die Praktiken wie den Fleischkonsum verteidigen, stützen sich auf Daten, von denen sie glauben, dass diese beweisen, dass allen oder den meisten nichtmenschlichen Tieren jene Eigenschaft fehlt, die dem Menschen eine einzigartige moralische Stellung verleiht, und rechtfertigen damit die moralische Trennlinie zwischen Mensch und Tier.

Diejenigen, die diese Tiere beinhaltenden Praktiken kritisieren, stützen sich auf Daten, von denen sie glauben, dass sie beweisen, dass es keine dem Menschen eigene Fähigkeit oder Eigenschaft gibt, die es rechtfertigen würde, menschliche moralische Interessen gegenüber den Interessen anderer Tiere zu privilegieren, sofern diese Tiere dieselbe Fähigkeit oder Eigenschaft teilen. Die moralische Grenzziehung sei aus dem Grund nicht gerechtfertigt und müsse daher aufgeweicht werden.

[Folie 5]

Darüber hinaus sind sie der Ansicht, dass eine Infragestellung dieser Praktiken eine „Entheiligung“ des Menschseins ERFORDERT, was bedeutet: Die Menschen haben ihren Status auf mythische Ausmaße aufgeblasen, indem sie ihr bloßes Menschsein, die bloße Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens, zum höchsten Wert auf diesem Planeten erhoben haben. Die Aufwertung von Tieren oder die Sicherung der moralischen Anerkennung, die ihnen zusteht, bedeutet also, die Bedeutung und zentrale Stellung des Menschseins und damit der Menschen zu verringern.

Und was oft unerwähnt bleibt, ist, dass solche Debatten stets sehr theoretisch sind – im Sinne einer buchstäblichen Bindung an ethische Theorien. Was auch immer die bevorzugte Ethiktheorie als die besondere Fähigkeit oder Eigenschaft bezeichnet, die Lebewesen moralischen Status verleiht, entscheidet, auf welche Daten sich die beiden Seiten der Debatte konzentrieren werden. Wenn die Theorie beispielsweise besagt, dass die Fähigkeit, Schmerz zu fühlen und Freude zu empfinden, die Eigenschaft ist, die ein Wesen als moralisch beachtenswert qualifiziert, dann werden beide Seiten Daten heraussuchen und präsentieren, die belegen, welche Tiere Schmerz fühlen oder Freude empfinden und in welchem Ausmaß, und so weiter.

[Folie 6]

In dem Aufsatz „Re-Centering the Human“ [Eine Rezentrierung des Menschen] widersprechen Lindgren und ich der in dieser Debatte vorherrschenden Auffassung dessen, was es bedeutet, dass eine moralische kategoriale Trennlinie existiere, die Menschen von anderen Tieren unterscheide.

Wir bezweifeln, dass das Vorhandensein oder Fehlen einer bestimmten Fähigkeit oder Eigenschaft für diese Unterscheidung relevant ist, und wir hegen noch größere Zweifel daran, dass diese Unterteilung wesentlich mit der Aufrechterhaltung der fraglichen Praktiken zu tun hat.

Wir gehen davon aus, dass diese moralische Grenze zwischen Menschen und anderen Tieren, soweit es nichtmenschliche Tiere betrifft, weitgehend harmlos ist. Sie ist lediglich das Ergebnis davon, dass sich Menschen in ihrem eigenen Speziesbegriff verorten. Es handelt sich also lediglich darum, dass Menschen aus ihrer menschlichen Perspektive heraus handeln. Das ist nichts, was einer Rechtfertigung bedarf.

[Folie 7]

In anderen Worten: Menschen können das, was ein Mensch ist aus zweierlei verschiedenen Perspektiven heraus begreifen. Das eine ist die Perspektive, aus der wir alle anderen Tiere begreifen. Wenn Sie mir zum Beispiel eine Reihe verschiedener Tiere zeigen, kann ich sagen: „Das ist eine Fledermaus, das ist ein Elefant, das ist ein Mensch, das ist ein Fisch“ und so weiter, und ich kann zu jedem der in der Reihe aufgelisteten Tier Aussagen treffen, die durch wissenschaftliche Daten über das jeweilige Tier gestützt werden können.

Nennen wir dies die externe Perspektive des Menschseins oder eine „spezies-objektivistische“ Haltung. Mit dem Begriff „objektiv“ beziehen wir uns hier nicht auf irgendeinen Wissensanspruch. Wir meinen lediglich, dass wir die Menschlichkeit oder das Menschsein aus einem dritten, unvoreingenommenen Blickwinkel betrachten, genauso wie wir das Fledermaussein oder das Elefantsein betrachten.

[Folie 8]

Wenn wir jedoch in der Artenliste bei „Mensch“ angelangt sind, geschieht etwas, was bei keiner anderen Spezieskategorie der Fall ist. Es eröffnet sich eine zweite Perspektive, weil ich ein Mensch bin! Es findet also ein Perspektivwechsel statt, von „das ist ein Mensch“ hin zu „ich bin ein Mensch“ – also die Identifikation mit der eigenen Spezies –, und mit diesem Wechsel geht eine Veränderung der Art von Informationen einher, auf die man Zugriff hat.

Die innere Perspektive des Menschseins – oder das, was wir als „spezies-subjektivistische“ Perspektive bezeichnen – ist ein Blickwinkel, den ich bei keinem anderen Tier einnehmen kann und über den ich in Bezug auf jedes andere Tier schweigen muss.

Zwar weiß ich, dass andere Tiere eine Vielzahl von Emotionen empfinden, Freude empfinden und Schmerzen erleiden, sich erinnern, sich Dinge vorstellen, komplexe soziale Leben und Beziehungen haben und so weiter, doch bin ich nicht in der Lage, auf das Innere dessen zuzugreifen, wie diese Erfahrungen aus derer Perspektive oder für sie [selbst] sind.

Auch wenn wir uns in Tiere hineinversetzen und die Feinheiten ihres Lebens bis zu einem gewissen Grad nachvollziehen können, können wir ihren Betrachtungspunkt nicht subjektiv erleben. (Übrigens: Wer sich fragt, ob diese Argumentation auch auf andere Kategorien wie ethnische Zugehörigkeit [hier „Rasse“], Geschlecht usw. zutrifft, kann mir gerne eine E-Mail schreiben, damit ich erläutern kann, warum es sich bei der Zugehörigkeit zu einer Spezies nicht wie bei diesen anderen Kategorien verhält.)

Lindgren und ich vertreten die Auffassung, dass die Umwandlung der moralischen Frage nach den Tieren in diese andere Frage nach der Legitimität der moralischen Unterscheidung zwischen Menschen und allen anderen Tieren völlig unangebracht und unnötig ist, insbesondere wenn man Praktiken kritisiert, die Tieren Schaden zufügen.

Das ist, weil die moralische Frage in Bezug auf Tiere aus einer menschlich-internen oder spezies-subjektiven Perspektive herrührt, während sich die darauf folgende, neu formulierte Debatte aus einer menschlich-externen oder spezies-objektivistischen Perspektive heraus geführt wird. Um dies zu verdeutlichen, betrachten wir ein Beispiel.

Stell dir vor, du ziehst in eine neue Stadt und fragst deinen Nachbarn nach dem Weg zu deinem neuen Arbeitsplatz, an dem du morgen beginnst. Der Nachbar verschwindet in seinem Büro, und du hörst, wie dort ein Drucker hart arbeitet. Der Nachbar kommt wieder heraus mit …

[Folie 9]

einem beeindruckenden großformatigen Ausdruck des berühmten, atemberaubenden „Blue Marble“-Fotos der Erde, aufgenommen von der Besatzung der Apollo 17. Aber natürlich kann dir dieses Bild nicht helfen. Trotz der imposanten Größe, der Detailtreue und der Schönheit des Ausdrucks – ganz zu schweigen von einigen beeindruckenden aktuellen wissenschaftlichen Kennzahlen, die großzügigerweise am Rand beigefügt sind – lässt sich deine Frage besser anhand einer ganz anderen Art von Bild der Erde beantworten, wie zum Beispiel …

[Folie 10]

… so ein Bild, das Google Maps aus der Perspektive eines Betrachters auf der Erde bietet.

Der etwas unbeholfene Nachbar hat dir vielleicht die wissenschaftlich und kosmisch genaueste Darstellung der Erde geliefert, und vielleicht kannst du sogar seine Begeisterung dafür nachvollziehen, dieses Bild mit anderen zu teilen – angesichts der Großartigkeit und Schönheit des dargestellten Objekts, der vielen Zahlen, über die man nachdenken und in denen man versinken kann, und der vielfältigen Gedanken, die entstehen, wenn man unsere Heimat aus einer Perspektive von Außerhalb betrachtet.

Letztendlich lässt sich deine Frage aber nicht aus dieser distanzierten Sichtweise auf die Erde beantworten oder überhaupt behandeln, denn das, wonach du suchst, betrifft das, was sich auf der Erde befindet, einschließlich …

[Folie 11] … der Straßen und Wege, die wir anlegen, der Gebäude, die wir errichten, der Beförderungsdienste, die wir ausarbeiten, und der Begriffe, die diese Einheiten umschreiben: „Ortschaften“, „Städte“, „Straßen“, „Buslinien“ usw.

Deine Frage ist eine lokale Frage, zu deren Beantwortung man eine lokale Konzeption der Erde benötigt; ganz zu schweigen davon, um die Frage selbst nachvollziehbar zu machen.

[Folie 12]

Wie dieses Beispiel zeigt, legen wir Parameter dafür fest, wie unser Leben aussehen soll – und das aus der Perspektive heraus, aus der wir dieses Leben tatsächlich leben. Dabei besteht ein großer Teil dieser Parameter an Vorstellungen darüber, wie unser Leben aussehen soll, aus dem, was wir als menschliche Moral bezeichnen oder als Richtlinien dessen verstehen, wie Menschen in diesem Leben leben und sich entfalten sollten. Die Existenz der gesamten Tierrechtsbewegung setzt voraus, dass diese moralische Kluft intakt ist, denn es ist unser Menschsein begriffen im dem subjektiven Sinne, auf das sich Tierrechtsaktivisten letztendlich berufen. Aus der Perspektive des Spezies-Objektivismus ergibt die Mission der Tierrechtsbewegung kaum Sinn.

Von der Perspektive aus betrachtet sind alle Menschen Tiere. Aber viele Tiere fressen die ganze Zeit andere Tiere. Das nützt ihnen und schmeckt ihnen vermutlich gut. Warum sollte es dann ein moralisches Problem sein, wenn Menschen das tun? Diese Frage lässt sich nur aus der spezies-subjektiven Perspektive heraus beantworten, die erfordert, sich metaphorisch in die Lage eines Menschen zu versetzen und sich selbst als von anderen Tieren unterscheidend zu begreifen. Diese Haltung drückt keinen Überlegenheitsanspruch aus, sondern die Einsicht dessen, dass es die Verantwortung der Menschen und nur der Menschen ist, sich den Geboten der menschlichen Moral zu unterwerfen.

[Folie 13]

Unsere vorausgegangenen Arbeiten und unser aktuelles Projekt dienen als Beispiele dafür, wie wir die spezies-subjektive Perspektive nutzen können, um die moralische Frage über Tiere zu durchdenken und die Praktiken in Frage zu stellen, die ihnen zum Schaden gereichen.

In unseren vorausgegangenen Arbeiten setzen wir uns mit systematischen menschlichen Ungerechtigkeiten auseinander – den menschlichen „-ismen“ wie Rassismus, Sexismus, Antisemitismus, Homophobie, Ableismus usw. – parallel zu durch Menschen begangenen Ungerechtigkeiten gegenüber anderen Tieren.

Wir stellen diese Phänomene auf dieselbe analytische Ebene, aber nicht, um sie zu vergleichen, und schon gar nicht um zu behaupten, sie seien gleichartig.

Vielmehr tun wir dies, um aufzuzeigen, dass es sich um sehr unterschiedliche Formen des Leidens handelt und dass das Anerkennen dieses Unterschieds das Leiden der Tiere nicht herabwürdigt. Im Gegenteil. Es würdigt, wie außerordentlich einzigartig dieser Schrecken für jene Tiere sein muss, die ein ganzes Leben lang Unterwerfung und Entsetzen erleben, ohne auch nur ansatzweise einen Zugang zum Innenleben oder zu den Motiven derer zu haben, die sie vernichten.

[Folie 14]

Wenn wir systematische menschliche Ungerechtigkeit gegenüber Menschen, der systematischen [menschlichen] Ungerechtigkeit gegenüber Tieren gegenüberstellen, wird der Mechanismus, der der menschlichen Ungerechtigkeit gegenüber Menschen zugrunde liegt, deutlich. Trotz der Unterschiede, die den unterschiedlichen menschlichen „-ismen“ innewohnen, haben sie doch eines gemeinsam in ihrem Zweck: nämlich bestimmte Menschen systematisch und bereits auf der Ebene der Definition aus dem Begriff „Mensch“ selbst auszuschließen.

In einigen Fällen wird dies deutlich zum Ausdruck gebracht, in anderen Fällen nicht. Doch die meisten, wenn nicht sogar alle menschlichen Gesellschaften operieren und basieren auf einem sozialen Organisationsprinzip, das ihre Mitglieder nach Graden der Menschlichkeit entsprechend den Idealen dieser Gesellschaft einstuft: von „Mensch“ – des Spitzenranges – bis hin zu Menschen, die als „nicht Mensch [respektive nichtmenschlich]“, „Untermensch“ oder „Tier“ betrachtet werden.

Dies ist nicht nur ein Instrument das der Spaltung dient, sondern es ist auch von grundsätzlicher Bedeutung für jede Gesellschaft, da es vorgibt, was den idealen Menschen verkörpert gegenüber dem, was das Gegenteil dieses Ideals darstellt.

[Folie 15]

Es ist also genau hier, in der Kluft zwischen „Mensch“/“nicht Mensch“, die den menschlich sozialen Welten innewohnt und für das menschliche Leben spezifisch ist, wo die Vorstellung von „menschlich“ und die von „nicht menschlich“ / „tierlich/tierisch“ als Gegensätze oder Kontraste gebildet wird. Und eben dies ist der entscheidende Punkt.

[Folie 16]

Menschen, die als „nicht menschlich“ oder „weniger als menschlich“ eingeordnet werden, stellen die lebende Verkörperung der Antithese zur Menschlichkeit dar für diese Gesellschaft. Sie gelten als moralisch unlesbar. Sie spielen also eine sehr wichtige Rolle, da als ihnen übergeordnet eingestufte Menschen ihre Überlegenheit nicht ausleben oder zur Geltung bringen können, ohne andere Menschen, die sie unterordnen können, die als Zeugen dieser menschlichen Ordnung [Human order] dienen, die in ihrer Menschlichkeit so spektakulär versagen, dass ihr Versagen a priori ist, die die Worte sprechen und von einer Realität zeugen, die den Wünschen ihres Herrn entsprechen. Allein andere Menschen können diese anti-menschliche Funktion erfüllen.

Diese parasitäre Beziehung geht über das Physische hinaus. Obwohl die sogenannten „echten“ oder „wahren“ Menschen auf die Arbeitskraft und die Körper der entmenschlichten Menschen angewiesen sind, ist es noch wichtiger, dass beide Gruppen subjektiv dazu gezwungen oder sozial dahingehend konditioniert sind, sich selbst und andere im Rahmen dieser sozialen Ordnung zu erfahren: die sogenannten „wahren“ Menschen sind optimistisch und von sich eingenommen; sie nähren sich nicht nur von den physischen und emotionalen Traumata, die entmenschlichte Menschen durchleben, sondern im weiteren Sinne auch von letzterer psychischen Schmerz, der aus einer Entmenschlichung und der Verinnerlichung von Unterlegenheit resultiert.

[Folie 17]

Wenn das als “Mensch” betrachtet zu werden, in den Fällen in denen es allein um Menschen geht, so viel bedeutet, dann wird dem Menschsein – wenn wir es im allgemeinen Sinne auffassen als als die schiere Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens – auf der Gesellschaftsebene kein großer Stellenwert beigemessen.

In fact, it appears that when humans build and shape their societies, they go out of their way to ensure that the morally operative conception of “human” is not simply belonging to the species homo sapiens.

Tatsächlich scheint es so zu sein, dass Menschen beim Aufbau und der Gestaltung ihrer Gesellschaften alles daran setzen, sicherzustellen, dass das moralisch operative Konzept vom „Menschen“ nicht einfach nur deckungsgleich ist mit der Zugehörigkeit zur Spezies Homo sapiens.

Der Aufruf von Tierrechtlern, das Menschsein zu „entheiligen“, ist also gar nicht so radikal, wie sie glauben, denn genau das tun Menschen schon seit der Entstehung großer Gesellschaften vor sehr, sehr langer Zeit.

[Folie 18]

Abschließend lässt sich sagen, dass unsere Arbeiten darauf hindeuten, dass die Frage nach dem moralischen Status von Tieren innerhalb dieses umfassenderen Problems neu verortet werden sollte, das sich um die offene Frage nach dem moralischen Status des Menschen bzw. dem Status des Menschseins dreht.

Das heißt, die Lage der Tiere scheint eine Begleiterscheinung jenes Schemas zu sein, das menschlichen Welten innewohnt und in erster Linie darauf ausgerichtet ist, das Menschsein [selbst] abzuwerten: dieses Schema der sozialen Mensch-Tier-Trennung [Human-Animal divide].

Es ist nicht so, dass Menschen wichtiger wären als nichtmenschliche Tiere und wir uns deshalb hier auf die innere Welt des Menschen konzentrieren wollen. Vielmehr spiegelt die Ungerechtigkeit gegenüber Tieren eine offenbar umfassendere moralische Krise wider, die innerhalb der Menschen und der menschlichen Gesellschaften stattfindet – eine Krise, die leider zur Normalität geworden ist.

[Folie 19]

Wir glauben also, dass das dieser Krise zugrunde liegende Schema – unsere Abwertung des Menschseins, also unseres eigenen Zustands, unserer eigenen Bedingung – möglicherweise auch verhindert, dass wir auf breiter gesellschaftlicher Ebene irgendeine andere Lebensform wertschätzen können. Was uns zurück bringt zu unserer Ausgangsfrage:

Warum sollten wir unseren Blick auf Tiere richten, wenn wir Menschen uns nicht mal einander anschauen wollen?

Und genau hier setzt unser aktuelles Projekt an.

Ich danke Ihnen. sylko@protonmail.com

Die Autorin:

Syl Ko ist Autorin und unabhängige Forscherin. Ihre Arbeit untersucht die Konzepte „Mensch“ und „Tier“, wobei sie deren abstrakte Wechselabhängigkeit und die Art und Weise hervorhebt, wie diese sowohl menschliche als auch tierliche Freiheit einschränkt. Ko hinterfragt traditionelle Ansätze der Tierverteidigung, indem sie die moralische Frage nach Tieren neu formuliert und sie im Kern als offene Frage nach dem moralischen Status des Menschen versteht. Sie betont, dass die gesellschaftliche Abwertung tierlichen Lebens aus einer vorgängigen Abwertung des Menschseins hervorgeht. Ihre Arbeit lehnt die konventionelle Orientierung an moraltheoretischen Ansätzen ab und regt stattdessen eine Form der Reflexion an, die darauf abzielt, Menschlichkeit wiederherzustellen, durch die wir Tiere mit neuen Augen sehen könnten.

Tierautonomie

Publisher: www.simorgh.de – ‘Society, conflict and the anthropogenic dilemma’. This reader is published by the Edition Farangis in context with the memorial project dedicated to the work of Dr. phil. Miriam Y. Arani.

Citation

Ko, Syl (2026). Warum sollten wir unseren Blick auf Tiere richten (wenn Menschen nicht mal einander anschauen wollen)? TIERAUTONOMIE, 12 (1). http://simorgh.de/tierautonomie/JG12_2026_1.pdf

TIERAUTONOMIE (ISSN 2363-6513)

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We, the Gruppe Messel, are a multispecies network dedicated to > Eurohippus messelensis and the world heritage known as the Messel Formation > and with it: today’s work in Animal Rights!

Tierrechtsarchiv der Gruppe Messel, Edition Farangis, Usingen / Taunus, 2026

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