Aktivismus für Sprachdiversität. Entwurf UK/AAK und Assistenz

Antispe Ability. Rezeptionskompetenz zusammen faktorisieren und Sprachdivergenz. Überarbeitete Fassung vom 03.04.26.

Assistenz und so

im Kontext mit Unterstützer Kommunikation (UK) bzw. Augmentierter Alternativer Kommunikation (AAK), Sprachdivergenz und unterschiedlichen Ableismusformen

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  1. Das eigentliche Problem

Es gibt derzeit keine stabile, breit sichtbare Struktur, die:

  • Assistenznehmer und Assistenzgeber gemeinsam ‚bürgerschaftlich aktivistisch‘ organisiert
  • und dabei konsequent aus der Perspektive der Behindertenrechtsbewegung arbeitet

→ Stattdessen existieren getrennte Sphären, die sich bilden aus:

  • Selbstvertretung (Peer-Counseling, Aktivismus)
  • Träger / Dienste (oft, aber nicht immer paternalistisch strukturiert)
  • Assistenzkräfte (häufig wenig konzeptionell informiert in Sachen Anti-Ableismus-Aktivismus. Die Neugliederung als kompensatorische und qualifizierte Leistungen ändert nichts an den „losen Enden“ im Support durch Assistenz)

Unser Kernpunkt:

Assistenz ist politisch unterdefiniert – besonders dort, wo Kommunikation nicht normsprachlich funktioniert (UK/AAK).

  1. Die spezifische Schieflage wenn UK/AAK + Diagnose zusammentreffen

Wir sehen uns mit einem strukturellen Gefälle konfrontiert:

Ungleichheit der Kommunikationsformen

  • Gebärdensprache → grundsätzlich sprachlich und kulturübergreifend anerkannt [Selbstverständnis für Kommunikationsassistenz besteht in dem Kontext, vor allem wegen klarer linguistischer Einbettung]
  • Unterstützte Kommunikation [Multimodalität in Ansätzen unterstützter und augmentierter alternativer Kommunikation, Augmented Alternative Communication] → Kommunikationskompetenzen →  außerhalb fester Sprachordnungen werden Bereiche alternativer Kommunikation (aber auch grundsätzlich anerkannte Frage-/Antwort-Techniken wie Partnerscanning als UK-Technik zur Überwindung von Sprachbarrieren) immernoch oftmals als „defizitbehaftet“ gelesen [d.h. es existiert keine oder zu wenig umfassende linguistische Anerkennung wenn systemhafte Rahmen sich als zu eng erweisen]
  • Auf Unklarheiten in der kommunikativen Praxis wird mit einem überfunktionalisierten Ansatz reagiert bei den Themen rund um „Sprache und Barriere“ [Eigenausdruck, Rezeptionskompetenz werden dabei tendenziell eher übersehen]

→ Was das für assistenzdyadische Interaktionsformen bedeuten kann:

  • Kommunikation als Barrierethema sowie im Bereich von Ableismuserfahrungen [z.B. in Diagnosen, Bildung und Gesellschaft allgemein] werden in der breiten Auseinandersetzung mit Assistenznahme und -gabe nicht hinreichend als Selbstbestimmungsschwerpunkt adressiert
  • Sprachassistenz wird nicht als nötige wechselseitige „Kommunikationsarbeit“ in Assistenzdyaden anerkannt, während ein sich sozialer Druck infolge eines gegebenen praktischen Mangels an emanzipativen Sprach- und Kommunikationsansätzen aufbauen kann

Die Diagnose und das Problem der Folge von Definitions- und Urteilsketten

Unser Beispiel: Besteht die Gefahr durch eine Diagnose von Sprachableismus oder/und Kognitivableismus betroffen zu sein?

  • Diagnose → erzeugt automatisch:
    • Rahmenwerk pädagogisches Verhalten, das sich auf Einschätzung über Fähigkeiten berufen muss
    • Fürsorgelogik und Unsicherheit
    • Ungewollte Machtverhältnisse (die als bevormunden und verhindernd, sowie fördernd erlebt werden können)

→ Zahlreiche Unklarheiten in der Rolle und Aufgabe von:

  • Assistenz = zur Unterstützung in der Umsetzung von Willen […]

Die Assistenzpraxis zur Umsetzung der Interessen der Assistenznehmenden und ‚Unterstützte / Augmentierte Alternative Kommunikation‘:

Das strukturelle Paradox

Die stärkere Form der Selbstbestimmtheit über das Arbeitgebermodell (Persönliches Budget) verlangt:

  • Steuerung
  • Auswahl
  • Anleitung

Aber:

  • genau diese Steuerungsfähigkeit wird Menschen mit UK oftmals abgesprochen oder ist schwer realisierbar, wenn Barriere im Bereich Kommunikation nicht problemlos kompensiert werden kann.

→ Ergebnis:

Diejenigen, die Assistenz am dringendsten politisch definieren müssten, haben am wenigsten Zugriff für eine selbstbestimmte Inanspruchnahme eines Instruments dafür.

  1. Was faktisch existiert (aber nicht ausreicht)

Es gibt Ansätze, aber sie greifen dieses Problem nur teilweise:

Selbstvertretung & politische Grundlagen in gemeinläufigen Übereinkünften

→ stark in Rechten, aber:

→ Ableismus im Zusammenhang mit > Sprach-, Rezeptions- und Kommunikationskompetenz findet bislang wenig Eintritt in die Debatte; Kognitivableismus ist bislang kein Thema das ausreichend differenziert behandelt würde [betrifft Fragen schwerwiegender Fehleinschätzung, sowie Fragen möglicher Ansätze an > Sprachdiversität zum einen und Neurodiversität bei schweren Behinderungen zum andern]

→ wenig Fokus auf Assistenzdyaden als eine bürgerschaftlich aktivistische Möglichkeit als Praxis zur Realisierung von Interessenvertretung

Assistenzstrukturen

  • Assistenzgenossenschaften

→ besser als Träger, aber:
→ organisatorisch vorteilhalft, Rahmenwerk für Aktivismus besteht nicht (da keine staatlichen Vorgaben und Leitlinien, keine Finanzierungsmöglichkeit an der Stelle)

UK/AAK-spezifische Ansätze

  • Gesellschaft für Unterstützte Kommunikation

→ wichtig für Methoden
→ aber nicht klar politisch im Sinne von:
„Assistenz als Machtverhältnis“

  1. Folgendes ist uns wichtig hervorzuheben

Assistenz an und für sich muss sich letztendlich selbst politisch definieren – nicht nur der Assistenznehmer.

Das verschiebt alles:

Nicht mehr nur:

  • „Selbstbestimmung der Nutzer oder Inanspruchnehmenden“

sondern:

  • Verantwortung der Assistenzgabe zur Transparentmachung der eigenen Rolle und suche nach Optimierung der eigenen Aufgabe; ein Augenmerk auf die weniger sichtbaren Gefahren von, sowie Kritik an den eklatant sichtbaren Machtverhältnissen im Zusammenhang mit > Barriere und Kommunikation.

  1. Die Leerstelle, die wir sehen:

Was fehlt, ist:

Eine dialogische Assistenzbewegung

Möglichkeiten wären:

  • gemeinsame Plattformen von:
    • Assistenznehmern
    • Assistenzgebern
  • Möglicher Fokus:
    • Reflexion von „Macht und Gesellschaft“
    • Kommunikation (UK/AAK, internationale Theorie, Praxis, neue Ansätze, individueller und gemeinschaftlicher Aktivismus)
    • Anti-Diagnose-Haltung, d.h. Priorisierung des sozialen statt des medizinischen Modells von beHinderung
    • praktische Zusammenarbeit
  • Mögliches Ziel:

Assistenz als „Ermöglichungs-Handwerk“ politisch definieren und versuchen gemeinsam zu verbessern

  1. Schussfolgend:

Persönliche Assistenz scheitert aktuell dort systematisch, wo Kommunikation nicht normiert ist.

Während die Gebärdensprache als legitime Sprache anerkannt ist, wird Unterstützte Kommunikation oder Augmentierte Alternative Kommunikation weiterhin aufgrund

a.) eigener linguistischer Gegebenheiten und Fragen

und

b.) der großen Spannweite an kommunikativen Spektren

als Thema von Barriere und Sprachpraxis unterschätzt.

In diesem Kontext wirkt die Diagnose – gerade auch typischerweise die, bei der eine Sprechbehinderung zur einer unberechtigten Annahme einer vorliegenden „das Kognitive beeinträchtigende“ beHinderung führt – nicht nur beschreibend, sondern ableistisch strukturierend.

In solchen Zusammenhängen kann auch ein allgemeines, vages Verständnis über Assistenzgabe von einer begleitenden Rolle in eine Defizite unterstellende Rolle abgleiten. Genau solche Gefahren müssen beachtet, analysiert und gemeinsam thematisiert werden.

Das Arbeitgebermodell verspricht Selbstbestimmung, setzt aber genau jene Steuerungsfähigkeit voraus, die Menschen mit komplexer Kommunikation abgesprochen wird. Daraus ergibt sich eine strukturelle Leerstelle: Es fehlt eine gemeinsame politische Praxis von Assistenznehmern und Assistenzgebern, die Assistenz als dialogisches, machtreflektiertes Verhältnis versteht (und nicht als Pflege, als zu unkritische Pädagogik oder schon gar nicht also bloße Dienstleistung). An dieser Stelle muss die Konstellation unter differenzierten Vorzeichen bedacht werden.

Der Beitrag versteht sich im Sinne einer dialogischeren Assistenzbewegung, die für unsere Themenschwerpunkte bei Antispe Ability von besonderer Relevanz ist.

 

 

 

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