
Faunazid-Vektoren: Freiheit und Post-War-Ethik
Kurzfassung:
Im zeitgenössischen Diskurs dominieren Autoritätsfiguren, Notfallrhetorik und Migrationspolitik die öffentliche Aufmerksamkeit. Gleichzeitig schreiten Faunazide und ökologische Zerstörung weitgehend unbeachtet voran, normalisiert als technische oder logistische Notwendigkeit. Diese Analyse zeigt: Solche Zerstörung ist nicht zufällig, sondern strukturelles Endstadium konsumorientierter Glaubenssysteme. Wo geerbte ethische Rahmen ausgehöhlt sind, wird Freiheit zur Wahl ohne Verantwortung, moralische Reflexion wird suspendiert. Migrationsdiskurse absorbieren ethische Energie und verschleiern die artspezifischen Grenzen der transatlantischen Post-War-Ethik. Faunazid offenbart damit das, was diese Gesellschaften nicht konfrontieren können: die ethische Grenze, an der sich Zivilisation selbst misst.
Faunazid-Vektoren: Konsumglaube, Freiheit und die Auflösung der transatlantischen Post-War-Ethik
- Einleitung: Kein Niedergang, sondern Systemergebnis
Was gemeinhin als moralischer Niedergang oder kultureller Verfall beschrieben wird, ist besser als strukturelles Ergebnis spätkapitalistischer Konsumgesellschaften zu verstehen. Ethik ist nicht verschwunden; sie wurde reorganisiert. Glaube ist nicht verflogen; er wurde vereinfacht und „automatisiert“. Sowohl in den Vereinigten Staaten als auch in Deutschland — trotz radikal unterschiedlicher Geschichte — verflachen ethische Vokabulare, Freiheit reduziert sich auf Gesten, und Verantwortung wird zunehmend externalisiert. Dies ist nicht primär das Resultat von Migration „an sich“, Religion „an sich“ oder individueller Ignoranz „an sich“, sondern einer tieferen Verschmelzung geerbter Glaubensstrukturen mit marktgenerierter Logik. Kulturelle Spannungen und Kooperationen entfalten zwar eigene Dynamiken, müssen jedoch vor einem noch umfassenderen globalen Kontext gesehen werden [Anthropogenismus: der Glaube, dass hegemoniale menschliche Systeme allein Quelle und Maßstab für Bedeutung, Wert und moralische Relevanz sind].
- Konsumismus als Glaubensmaschine
Konsumismus wirkt nicht nur über Produktion, Verkauf oder Erwerb von Waren. Er setzt Glaubenssysteme voraus, die schnell, emotional verständlich, kostengünstig oder den Status repräsentierend sein können. Skepsis, Reflexion und ethische Ambiguität bremsen Märkte; einfacher Glaube und Rangstreben beschleunigt sie.
Konsumismus erzeugt so Glaubensformen, die moralisch erscheinen, aber als Gewohnheiten Egoismen bedienend operieren:
- Freiheit wird zur Wahl zwischen Optionen,
- Identität wird zu sichtbarer Zugehörigkeit,
- Güte wird zu Zertifizierung oder Branding,
- Bedeutung wird zu Anerkennung.
Diese Glaubensformen werden nicht diskutiert; sie werden absorbiert. Sie verlangen keine Hingabe, keinen Verzicht, keine Verantwortung – nur Teilnahme.
- Historisch geerbte Glaubensstrukturen in der westlich-christlichen Welt
Vor dem Konsumismus waren Glaubenssysteme schwer und anspruchsvoll. Sie setzten Grenzen und verlangten ethische Kosten. In religiösen, nationalen und philosophischen Traditionen waren vier Strukturelemente zentral:
- Zugehörigkeit – Identität verwurzelt in geteiltem Schicksal (Kirche, Nation, Klasse).
- Moralische Autorität – Ethik verankert in etwas außerhalb des Individuums (Gott, Recht, Tradition).
- Opfer – Bedeutung entsteht durch Zurückhaltung, Pflicht oder Verlust.
- Teleologie – Geschichte wird als gerichtet verstanden, Verantwortung trägt über die Zeit.
Diese Systeme waren oft gewalttätig und ausschließend, erzeugten jedoch ethische Tiefe, weil Glaube nicht reibungslos verlief.
- Die Verschmelzung: Struktur erhalten, Substanz ersetzt
Konsumismus zerstörte die geerbten Glaubensformen nicht; er „kolonisierte“ sie.
Die Strukturen bleiben, ihre Substanz wird ausgehöhlt:
- Zugehörigkeit wird zu Branding oder Lagerzugehörigkeit,
- Moralische Autorität zu Metriken, Algorithmen, Expertise oder Sichtbarkeit,
- Opfer zu Performance und Signalisierung,
- Teleologie zur Illusion von Fortschritt durch Optimierung und Wachstum.
Ergebnis: Glaube ohne Transzendenz, Ethik ohne Kosten. Menschen fühlen sich moralisch sicher, während ihnen ethische Kompetenz fehlt. Ein Vakuum wird gefüllt mit externalisierter, delegierter Geschichtsschreibung.
- Freiheit als Konsumglaube
Diese Verschmelzung erklärt den Zusammenbruch von Freiheit als ethischem Konzept. Historisch implizierte Freiheit Verantwortung: die Fähigkeit zu verweigern, sich selbst Grenzen zu setzen und Konsequenzen zu tragen. In der Logik des Konsums wird Freiheit neu definiert als Fülle von Optionen, Personalisierung und Austritt ohne Verlust. Verweigerung erscheint asozial, Grenzen wirken unterdrückend, Verantwortung archaisch. Freiheit überlebt als Slogan, nicht als Praxis.
- Transatlantisch: USA und Deutschland – zwei Misserfolge, eine Konvergenz
Die Vereinigten Staaten und Deutschland erreichen diesen Zustand aus entgegengesetzten Richtungen. Die USA entwickelten eine starke Vorstellung von Freiheit, jedoch eine dünne ethische Grundlage. Freiheit war primär negativ und expansiv – Freiheit von Einschränkungen, Freiheit zu handeln. Als Konsumismus Bedeutung aushöhlte, kollabierte Freiheit zu Spektakel, Kulturkampf und oberflächlichem Glauben. Ethische Sprache wurde binär und performativ.
Deutschland hingegen vertraute Freiheit historisch nie. Nach 1945 wurde Freiheit durch Ordnung, Legalität, Verfahren und später technokratische Moral ersetzt. Ethik wurde institutionell, nicht gelebt; Verantwortung formalisiert, Freiheit verwaltet. Deutschland exportiert Compliance-Ästhetik statt ethischer Autonomie.
Die eine Seite behält Identität ohne Verantwortung, die andere Verantwortungssprache ohne Freiheit. Migration offenbart diese Spaltung, verursacht sie jedoch zunächst nicht.
- Migration, Governance und ethische Suspendierung
Migration fungiert als Override-Schalter, da sie ethische Fragen in die Gegenwart bringt. Statt universelle Verantwortung zu konfrontieren, rahmen Staaten Migrant*innen als Risiken oder Managementprobleme.
In den USA bedroht Migration symbolische Identität und löst offene Exklusion aus. In Deutschland wird Migration administrativ über Arbeit, NGOs und prozedurale Toleranz absorbiert. Patriarchale und autoritäre Muster werden nicht bewundert, sondern instrumentalisiert als kostengünstige Ordnung.
Was wie Toleranz wirkt, ist oft ethische Aufgabe. Gewalt wird kulturell verankert, Verantwortung diffus.
- Aufstieg des funktionalen Primitivismus
Das Ergebnis ist kein Barbarismus, sondern funktionaler Primitivismus: technologisch fortgeschrittene Gesellschaften mit reduzierter ethischer Artikulation. Moralische Vokabulare schrumpfen zu Slogans, Empörung ersetzt Urteil, Zugehörigkeit überlagert Gewissen.
Dieser Primitivismus ist systemisch. Er produziert billige Konsument*innen statt denkender Subjekte, da denkende Subjekte Reibung erzeugen. Ethische Komplexität skaliert nicht.
- Warum Widerstand kollabiert
Widerstandsbewegungen scheitern, wenn sie Konsumlogik übernehmen: Branding, Optimierung, moralische Simplifizierung. Sie erzeugen dann keine ethischen Subjekte mehr, nur Konsument*innen des Dissenses. Kritik wird Inhalt; Opposition wird Nische.
- Faunazid: wo die Verschmelzung unübersehbar wird
Die oben beschriebene Struktur zeigt sich am deutlichsten und brutalsten in der Mensch-Tier-Beziehung. Wenn es ein Feld gibt, auf dem Abwesenheit von Freiheit, Verantwortung und ethischer Tiefe nicht mehr verdeckt werden kann, dann ist es die systematische Zerstörung nichtmenschlichen Lebens.
Faunazid ist keine Anomalie des Konsumismus; er ist dessen logisches Endstadium. Tiere können nicht als moralische Subjekte in Konsumglaubenssysteme integriert werden, da sie nicht an Identitätssignalisierung, politischen Lagern oder symbolischer Zugehörigkeit teilnehmen. Sie können nicht moralisiert oder sichtbar gemacht werden. Sie können nur verwaltet, optimiert und eliminiert werden.
Hier wird die Verschmelzung geerbter Glaubensstrukturen und Marktlogik vollständig sichtbar.
- Tiere als absolute Außenseiter der Konsumethik
Historisch standen Tiere nie außerhalb von Glaubenssystemen. Sie wurden in menschliche „Welterschaffung“ als Opferkörper, kosmologische Mittler, moralische Allegorien oder Mitbewohner eines geordneten Kosmos gezogen. Diese Positionen waren gewalttätig, nicht nur weil Tiere getötet wurden, sondern weil ihr Leben unter menschliche Narrative subsumiert wurde. Tiere erschienen nicht als weise, vollständige, wissende Wesen, sondern als Träger von Bedeutungen – Raum für ihre eigene ontologische Präsenz blieb nicht. Ihr Leiden zählte nur instrumentell für symbolische, religiöse oder soziale Kohärenz.
Diese narrative Absorption war die erste Abstraktion des Tierlebens – und bereits eine Generalprobe menschlicher Selbstverarmung. Die Fähigkeit, Lebewesen durch aufgezwungene Bedeutungen zu überschreiben, trainierte menschliches Bewusstsein, Dominanz als Sinnstiftung zu akzeptieren.
Der Konsumismus radikalisiert diese Logik, indem er annimmt, symbolische Einbeziehung überwunden zu haben, um den speziesistischen Objektstatus weiter zu festigen. Tiere werden unter kollektiven menschlichen Begriffen erzählt, sie werden systematisch verarbeitet. Sie sollen als „Produktionseinheiten“, „Datensätze“, „Umweltparameter“ oder „austauschbare Nachhaltigkeitssymbole“ wahrgenommen werden. Der flache Mythos, das Ritual oder die Rechtfertigung verwandelt Fauna in ein zu verwaltendes Objekt im Zentrum menschlicher Herrschaft.
Tiere sind ausgeschlossen von moralischer Berücksichtigung, Zugehörigkeit, eigener Autorität, eigener Verpflichtung und eigener Teleologie. Tierlichkeit existiert nur als Funktion menschlicher Systeme.
Ihre Erfahrungen mit dieser Herrschaft tragen symbolisches und ethisches Gewicht für die Menschen, die über die nichtmenschliche Kaste herrschen. Ihr Tod unterbricht die Geschichte des Fortschritts nicht, weil Fortschritt keine Geschichte/n mehr erzählt – er geht einfach weiter.
Tiere werden so zum absoluten Außenseiter des Konsumglaubens: geopfert für Belanglosigkeit, instrumentalisiert für Bedeutung durch Negation, reduziert auf Erfahrung totaler Unterbrechung und Trauma. Ihr Verschwinden aus vernünftigen Narrativen markiert keinen ethischen Fortschritt, sondern das Endstadium einer Zivilisation, die gelernt hat, Leben narrativ auszuschalten, während sie volle Kontrolle beansprucht.
- Ethischer Zusammenbruch ohne ideologischen Konflikt
Migration fungiert als globales moralisches Theater, das Speziesismus über politische Lager hinweg befriedet. Sie erzeugt permanenten ideologischen Konflikt, in dem menschliche Gruppen unversöhnlich erscheinen, strukturell jedoch vereint in ihrer Herrschaft über nichtmenschliches Leben.
Die Rechte externalisiert Gewalt, indem sie Brutalität, Unordnung und moralische Defizienz ausschließlich Migrantinnen zuschreibt; bei Migrantinnen werden ostentative Speziesismus-Selbstbilder in gesellschaftlich geeigneten Skalen signalisiert; westlich/„liberale“ Positionen reagieren innerhalb desselben humanzentrierten Rahmens.
Alle Akteure performen ethischen Konflikt, während die tiefste Grundlage – hegemoniale Zerstörung nichtmenschlichen Lebens – unberührt bleibt. Migration und kulturelle Auseinandersetzungen absorbieren ethische Energie und erlauben Gesellschaften, Moral zu üben, ohne deren Grenzen zu konfrontieren.
- Deutschland und die USA: Konvergenz an der Tiergrenze
Trotz ihrer Unterschiede konvergieren USA und Deutschland in ihrer destruktiven Hegemonie über Tiere und Natur:
- USA: Marktfreieheit → Tiere als Eigentum, Ressourcen, Inputs.
- Deutschland: verwaltete Ethik → Tierschutz, Zertifizierung, prozedurale Fürsorge.
Beide Systeme erzeugen dasselbe Ergebnis: großflächige, routinisierte Vernichtung.
Hier kollabiert der Kontrast zwischen Freiheit-ohne-Ethik und Ethik-ohne-Freiheit. Tiere und Natur erhalten weder das eine noch das andere.
- Warum Tiere die Fiktion ethischen Fortschritts entlarven
Tiere zeigen, was Konsumglaubenssysteme nicht tolerieren: Wesen, die ethische Beachtung verlangen, ohne symbolische Rückkehr für das menschliche Glaubenssystem zu liefern. Es gibt keine Belohnung für zivilcouragiertes Verhalten gegenüber Tieren und Lebensräumen. Keine Identitätsgewinne. Keine skalierbare Opfererzählung. Ethik reduziert sich auf Schadensbegrenzung, nicht Transformation. Nachhaltigkeitsdiskurs fungiert als ultimative moralische Anästhesie. Er bewahrt die Illusion von Verantwortung, während er die Logik von Zerstörung, Mord und Folter schützt.
- Faunazid als Maß der Freiheit
Wäre Freiheit als ethische Fähigkeit und nicht als Optionsfülle verstanden, wäre die Mensch-Tier-Beziehung ihr primärer Test. Eine Gesellschaft, die systematische und einzelne Tiervernichtung nicht verweigert, ist nicht unfrei aufgrund von Zwang, sondern weil ihr die ethische Vorstellungskraft fehlt, sich überhaupt zu korrigieren.
Faunazid wird so zum negativen Beweis von Freiheit: Wo Tiere als Wissensagenten vernichtet werden, ist eine Freiheit jenseits isolierter Interessen schlicht umgangen.
- Schlussfolgerung: die Grenze, die nicht ausgelagert werden kann
Tiere markieren den Punkt, an dem Konsumgesellschaft Verantwortung nicht mehr externalisieren kann. Es gibt keinen kulturellen Stellvertreter, kein unlösbares intra-menschliches Dilemma, keinen ideologischen Graben, auf den Gewalt verschoben werden kann.
Faunazid ist kein Randthema. Er ist die strukturelle Offenbarung, dass Post-War-Ethik, Konsumglaube und verwaltete Moral niemals eine Form von Vernunft mit dem notwendigen Grad an Eingreifen verbunden haben. Die Ergebnisse sind parallele Entwicklungen moralischer Verfallserscheinungen mit allen Konsequenzen. Eine Zivilisation, die ethische Verantwortung gegenüber nichtmenschlichem Leben nicht artikulieren kann, hat ihre Ethik nicht verloren; sie hat offenbart, dass diese ethische Grenze alles invertiert, was als „menschliche“ Idee gelten könnte.
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