
Ableismus und Speziesismus – zur strukturellen Leerstelle einer Debatte
Zu Tierbefreiung 116, September 2022 > Die Ausgabe Tierbefreiung 116 (September 2022) widmet sich dem Thema Ableismus im antispeziesistischen Kontext und benennt Diskriminierungen sowie Ausschlussmechanismen innerhalb emanzipatorischer Bewegungen. Damit wird ein relevantes Feld angesprochen.
Auffällig ist jedoch, dass der Bereich kognitiver und sprachlicher Zuschreibungen – also jener Bereich, in dem die Hierarchisierung von „Geist“ besonders deutlich wird – nicht thematisiert wird. Die Kategorie „geistige Behinderung“ ebenso wie Fragen von Sprachdivergenz, Verständlichkeitsnormen oder kognitiver Zuschreibung bleiben ausgespart.
Gerade dieser Bereich ist jedoch strukturell zentral. Denn hier zeigt sich in konzentrierter Form, wie sozialer Status an Annahmen über Denkvermögen, Rationalität oder kommunikative Anschlussfähigkeit gebunden wird.
Wenn Ableismus diskutiert wird, ohne diese Ebene einzubeziehen, bleibt die Analyse notwendigerweise unvollständig. Sie beschreibt Diskriminierungen, ohne die Kategorien zu untersuchen, durch die solche Diskriminierungen plausibel werden.
Im Verhältnis von Ableismus und Speziesismus gewinnt diese Leerstelle zusätzliches Gewicht. Denn auch speziesistische Argumentationsmuster operieren mit Zuschreibungen von Geist, Vernunft oder Bewusstsein. Die Frage, wie solche Zuschreibungen gebildet werden und warum sie hierarchisierende Wirkung entfalten, bildet daher einen möglichen gemeinsamen Ansatzpunkt beider Kritiken.
Nichtmenschlichen Tieren wird traditionell ein Mangel an Rationalität, Selbstbewusstsein oder komplexer Kognition zugeschrieben. Diese Annahmen dienen dazu, ihren moralischen Status zu relativieren oder ihre Abwertung zu legitimieren.
Menschen, die als „geistig behindert“ klassifiziert werden, werden ebenfalls über Zuschreibungen verminderter Kognition erfasst. Hier führt dies nicht zur vollständigen Entmenschlichung, sondern zu paternalistischer Verwaltung, Betreuung, Normierung und Hierarchisierung innerhalb der menschlichen Gemeinschaft.
Die politischen Folgen unterscheiden sich. Die strukturelle Logik der Zuschreibung ist verwandt.
In beiden Fällen wird vorausgesetzt:
- Es gebe eine erfassbare, vergleichbare Form von „Geist“.
- Diese lasse sich erkennen, einstufen oder zumindest implizit bewerten.
- Aus dieser Bewertung lasse sich sozialer oder moralischer Status ableiten.
Diese Voraussetzungen bleiben häufig implizit. Gerade deshalb entfalten sie Wirkung.
Wie in unserem Text „Was heißt hier geistig behindert?“ > https://simorgh.de/disablismus/was-heisst-hier-geistig-behindert/ [21.02.26] festhielten, ist die Kategorie „geistig“ keine neutrale Beschreibung eines inneren Zustands. Sie entsteht aus sozialen Erwartungen an Verständlichkeit, Anschlussfähigkeit und normierte Ausdrucksformen. „Geist“ wird nicht unmittelbar wahrgenommen – er wird aus Verhalten, Sprache und Anpassung erschlossen.
Das bedeutet: Die Zuschreibung ist immer Interpretation. Und Interpretation erfolgt entlang sozialer Normen.
Sprachdivergenz wird so als Defizit gelesen. Nicht-lineares oder nicht normkonformes Denken wird pathologisiert. Abweichung von erwarteten Kommunikationsmustern wird als mangelnde Kompetenz interpretiert. Die Kategorie erzeugt eine Ordnung zwischen verstehbar und unverstehbar, kompetent und inkompetent, normnah und normfern.
Wenn diese Zuschreibungslogik nicht analysiert wird, bleibt Ableismuskritik auf der Ebene von Umgangsformen oder Sensibilisierung stehen. Der strukturelle Kern – die Hierarchisierung von Geist – bleibt unangetastet in jenen Kontexten.
Eine ähnliche Dynamik zeigt sich im Speziesismus. Auch hier wird aus beobachtetem Verhalten auf ein „Mehr“ oder „Weniger“ an Bewusstsein geschlossen. Tiere gelten als weniger rational oder weniger selbstreflexiv – und aus dieser Annahme wird ihre Abwertung abgeleitet.
Dabei dürfen die historischen und sozialen Unterschiede zwischen Ableismus und Speziesismus nicht verwischt werden. Es geht nicht um Gleichsetzung, sondern um die Analyse einer gemeinsamen Struktur: der Annahme, Geist sei eine abstufbare Größe.
Besonders deutlich wird das Problem dort, wo antispeziesistische Argumentationen versuchen, Tiere aufzuwerten, indem ihre Intelligenz, Empathie oder kognitive Komplexität betont werden. Diese Strategie stellt die Vergleichslogik nicht grundsätzlich infrage. Sie verschiebt lediglich die Position innerhalb der Hierarchie.
Solange Wert an kognitive Zuschreibungen gebunden bleibt, bleibt auch die Hierarchie selbst erhalten.
Hinzu kommt, dass auch innerhalb von Behinderten-Communities Hierarchien entlang normativer Anschlussfähigkeit existieren. Menschen, deren Kommunikationsformen stärker von dominanten Erwartungen abweichen, erfahren andere Formen von Marginalisierung als jene, die leichter in bestehende Raster passen. Die Kategorie „kognitiv“ fungiert auch hier als Grenzmarker.
Das Problem liegt daher tiefer als offene Diskriminierung. Es liegt in der Selbstverständlichkeit, mit der angenommen wird, man könne Bewusstsein vergleichen, Geist messen oder Denkvermögen einstufen. Es liegt in der Gewohnheit, soziale Anerkennung an Verständlichkeit, Produktivität oder Anpassungsfähigkeit zu knüpfen.
Eine ernsthafte Verbindung von Anti-Ableismus und Antispeziesismus kann sich nicht darin erschöpfen, parallele Diskriminierungen zu benennen. Sie muss die Logik freilegen, durch die „Geist“, „Kognition“ und „Verständigkeit“ zu normierenden, hierarchisierbaren Kategorien werden.
Solange moralischer Status und sozial-gesellschaftliche Relevanz – offen oder verdeckt – an Zuschreibungen von Bewusstsein, Rationalität oder Kommunikationsfähigkeit gekoppelt bleibt, reproduzieren auch emanzipatorische Diskurse jene Hierarchien, die sie zu überwinden beanspruchen.
Die Frage lautet daher nicht, wer wie viel Geist besitzt. Die Frage lautet, warum Geist als abstufbare Größe behandelt wird und weshalb soziale Anerkennung an diese Abstufung gebunden bleibt. Eine antispeziesistische Ableismuskritik, die diese Ebene nicht berührt, bleibt unvollständig. Sie verfehlt den strukturellen Kern, der Hierarchien hervorbringt.
Der gemeinsame Ansatzpunkt liegt in der Zurückweisung der Hierarchisierbarkeit von Geist selbst.
Quelle
die tierbefreier*innen (Hrsg.): Tierbefreiung 116 – Ableismus und be_hinderungen. September 2022, PDF-Ausgabe. Verfügbar unter: https://static.tierbefreiung.de/tb116.pdf (abgerufen am 21.02.2026).
