Eine Ausstellung über kapitalistische Kunst

Eine Ausstellung über kapitalistische Kunst

vllt. Till Wasserpest

Was heute Kunst genannt wird, ist keine Ware mehr im einfachen Sinn.
Sie ist eine Sprache – und diese Sprache ist ideologisch geformt.

Nicht, weil Kunst sich verkauft, sondern weil sie gelernt hat,
wie man sprechen muss, um bestehen zu dürfen.
Die entscheidenden Mechanismen sind nicht Preise oder Besitzverhältnisse,
sondern Formate: Lesbarkeit, Anschlussfähigkeit, situative Kritik,
kontrollierte Abweichung.

Kunst ist damit kein Ort mehr, sondern eine Verhaltensform.
Sie formt Subjekte, lange bevor sie Bedeutungen behauptet.

Darum kann Kunst heute keine Kapitalismuskritik mehr sein.
Nicht, weil Kritik fehlt,
sondern weil die Machart selbst bereits die Logik des Systems spricht,
das sie zu kritisieren vorgibt.
Nicht plakativ, nicht affirmativ,
sondern subtil, elegant, unmarkiert.

Das Ideologische liegt nicht im Inhalt,
sondern in der Syntax.
In der Selbstverständlichkeit,
mit der alles als Material erscheint:
Welt, Beziehung, Leid, Krise, Mitwelt.

Die zeitgenössische Ausstellungswelt ist dafür kein Sonderfall.
Sie ist ein Übungsraum.
Hier wird nicht verkauft,
sondern eingeübt,
wie man Welt anspricht, ohne sie zu berühren.
Wie man alles benennt, ohne etwas zu lassen.
Wie man Gewalt thematisiert,
ohne Verantwortung zu übernehmen.

Der Kapitalismus braucht hier keine Zensur.
Er braucht nur eine Sprache,
in der alles sagbar ist,
solange nichts bindet.

Tiere, Landschaften, zerstörte Lebensräume
werden nicht in Beziehung gesetzt,
sondern verfügbar gemacht –
ästhetisch, diskursiv, moralisch.
Auch Kritik wird nicht unterdrückt,
sondern verwertbar gehalten.

Das Problem ist daher nicht der Kunstmarkt.
Das Problem ist tiefer angesiedelt:
in einer Menschheit,
die gelernt hat,
alles außerhalb ihrer selbst
als instrumentelles Außen zu behandeln –
und diese Haltung
für Reflexion zu halten.

Welt erscheint nicht mehr als Mitwelt,
sondern als Thema.
Als Anlass.
Als Ressource.

Kunst, die in dieser Sprache spricht,
entzieht sich dem Kapitalismus nicht.
Sie vollzieht ihn.
Nicht aus Bosheit,
sondern aus Übung.

Eine Menschheit,
die so spricht,
wird die Welt nicht verlieren.
Sie hat sie bereits ersetzt.

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